«Bon Voyage» von Fabio Friedli

Eine ganze Weile nach Fantoche, aber gerade noch rechtzeitig vor den Solothurner Filmtagen, die am 19. Januar beginnen, stelle ich in den nächsten beiden Wochen drei Animationsfilme vor, die sich am Samstag, 21. Januar um 14 Uhr in der Reithalle im Rahmen des Trickfilm-Wettbewerbs Suissimage-SSA der Schweizer Trickfilmgruppe um die Gunst des Publikums bemühen. Einer davon ist «Bon Voyage» von Fabio Friedli. Der Filmemacher beschäftigt sich in seinem Werk mit einem sehr aktuellen Thema.

Eine Strichfigur rennt beladen mit Koffer und Sack durch einen Palmenhain. Munter ist die Stimmung auf dem überfüllten Lastwagen, auf dem der Neuankömmling wie ein Bergsteiger auf die Spitze der Mitreisenden klettert. Doch schon bald fordert die Reise die ersten Opfer. Einige fallen einfach so vom ratternden Lastwagen, ein paar verbrennen an der Sonne, andere werden vergessen, nachdem sie einen Gesetzesparagraphen aus dem Weg geräumt haben. Je weiter die Reise geht, umso beschwerlicher wird sie.

Wie in einem Zählreim verringert sich die Anzahl der Personen im 6-minütigen Animationsfilm «Bon Voyage» von Fabio Friedli. Die Reise erweist sich bald als tragischer Überlebenskampf. Aber trotz des ernsten Themas bleibt der heitere Grundton erhalten. Jedes neue Opfer ist mit einem kleinen Gag verbunden; da sind Figuren, die sich wegen einer Fata Morgana mit Eiffelturm, Schiefem Turm von Pisa und Matterhorn in den heissen Sand stürzen, oder andere, die sich zu früh freuen, weil sie sich auf einer kleinen Insel mit Palme schon am Ziel ihrer Hoffnungen wähnen.

«Bon Voyage» entpuppt sich also bald als bittere Satire mit starkem politischem Unterton. Die beschwerliche Reise ist nicht so eindimensional, wie der simple Stil des Animationsfilms vermuten lassen könnte. Während die Reise von heiterem Slapstick geprägt ist, verdeutlicht Friedli die politische Komponente durch die letzten Einstellungen. Nach einem Schnitt blickt ein dunkelhäutiger Mann in die Kamera, vor ihm ein leeres Glas, gegenüber sitzen drei Beamte des Bundesamtes für Migration. Gelangweilt kritzelt einer davon auf den vor ihm liegenden Brief: ein paar Figuren klettern auf einen Lastwagen. Hier schliesst sich der Kreis, und es öffnen sich neue Interpretationsebenen.

«Bon Voyage» steht in einer Tradition von politischen Schweizer Animationsfilmen, die sich in letzter Zeit wieder vermehrt kritisch mit der nationalen Identität auseinandersetzen. Ein direkter Bezug lässt sich dabei zu den fremdenfeindlichen Hauptfiguren in «Grüezi» von Jonas Raeber (CH 1995) und «Heimatland» (Andrea Schneider, Loretta Arnold, Fabio Friedli, Marius Portmann, CH 2010) herstellen. Aktuell ist in dieser Beziehung aber auch «Gypaetus Helveticus» von Marcel Barelli (CH 2011), der die Ausrottung und Wiederansiedlung des Bartgeiers in der Schweiz als Vorlage für eine kluge Parabel über Vorurteile und Fremdenhass benutzt.

Dezenter ist die politische Aussage in «Bon Voyage» verpackt. Obschon der Humor nicht sonderlich subtil ist, zeigt Friedli trotzdem unaufdringlich, wie man sich in der Schweiz für gewöhnlich das Schicksal von Migranten vorstellt. Für die kluge Komödie wurde sein Film am Animationsfilmfestival Fantoche in Baden mit dem Publikumspreis des Internationalen Wettbewerbs sowie als bester Schweizer Film ausgezeichnet. Im November erhielt «Bon Voyage» an den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur auch noch den Schweizer Preis sowie den Preis für den besten Schweizer Schulfilm.

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