«Borderline» von Dustin Rees

Ein weiterer Sieger am Fantoche und somit heisser Anwärter auf eine Auszeichnung im Trickfilm-Wettbewerbs Suissimage-SSA der Schweizer Trickfilmgruppe an den Solothurner Filmtagen ist «Borderline» von Dustin Rees. Während nämlich «Bon Voyage» von Fabio Friedli am Fantoche den Publikumspreis des Internationalen Wettbewerb erhielt, wurde «Borderline» mit dem Publikumspreis im Schweizer Wettbewerb ausgezeichnet und setzte sich somit gegen «Bon Voyage» durch. Wie «Bon Voyage» ist auch «Borderline» eine Komödie, die sich aber ebenfalls mit einem schwierigen Thema auseinandersetzt.

Unzählige Methoden des Selbstmords zählt die amerikanische Schriftstellerin Dorothy Parker in ihrem kurzen Gedicht «Résumé» auf. Aber ob nun eine Rasierklinge, ein Fluss, Drogen, eine Waffe, eine Schlinge oder Gas gewählt wird, schmerzhaft sind sie alle. So kommt Parker zum Schluss, dass man genauso gut leben könne. Bedeutend zielstrebiger bemüht sich die Hauptfigur aus dem kurzen Animationsfilm «Borderline» von Dustin Rees darum, ihr Leben zu beenden.

Eine Gemeinsamkeit der bisherigen Filme von Dustin Rees ist der makabere, gnadenlose Humor. Besonders beneidenswert sind die Figuren selten. Ein trauriges Schicksal wartet auf den Glöckner in «The Bellringer» (CH 2007), der durch sein stilles Verlangen für Chaos zwischen Hochzeit, Begräbnis und Kindergarten sorgt. Ebenso trist ist das Dasein der Tiere in «Jungle Seasoning» (CH 2008). Sehr viel Mitleid verdient nun ganz besonders die Hauptfigur in der 2D-Computeranimation «Borderline».

Im Zentrum von «Borderline» steht ein Grenzwächter, der nicht nur einen Grenzübergang bewacht, sondern allem Anschein nach auch an der im Titel genannten Persönlichkeitsstörung – und auf alle möglichen Varianten zu sterben versucht, aber bei seinen Versuchen immer wieder scheitert. Die gewünschte Erlösung will nicht eintreten, ob er sich nun an der Grenzschranke aufhängt, sich mit furchteinflössenden Motorradfahrern anlegt, sich einfach auf die Strasse legt, die Abgase eines Autos zweckentfremdet oder in einem Gewitter einen Kleiderbügel in den Himmel streckt.

Der Titel des Films weist nicht nur auf den Beruf und das Verhalten der Hauptfigur hin, sondern lässt auch erahnen, dass der Humor bewusst grenzwertig ist. Eigentlich eignet sich das Thema der Persönlichkeitsstörung kaum für eine Komödie. Trotzdem funktioniert die Gratwanderung zwischen morbidem Humor und sanfter Anteilnahme. Rees spielt mit den Emotionen des Publikums und lässt zwischendurch sogar leise Hoffnung aufkommen. Da taucht nämlich immer wieder eine Frau auf einem Fahrrad auf, die sich auf den Grenzwächter einlassen möchte. Doch Erbarmen kennt Rees weder für seine Figuren noch für das Publikum. Die konsequente Auflösung der traurigen Geschichte ist eine der grossen Stärke der bitterbösen Tragikomödie.

Technisch ist «Borderline» ein deutlich reiferes Werk als die früheren Filme von Dustin Rees. Insbesondere für «The Bellringer» verwendete er noch einfach gestaltete 2D-Figuren, die sich ziemlich ruckartig bewegten. In «Borderline» sind die Figuren nun detailreicher und durch leichte Schattierungen plastischer gestaltet, und die Bewegungsabläufe sind sanfter. Für sein inhaltlich und formal anspruchsvolles Werk erhielt Rees am Animationsfilmfestival Fantoche in Baden verdientermassen den Publikumspreis des Schweizer Wettbewerbs.

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