«Lucens» von Marcel Barelli

Mais nos ingénieurs ont très vite appri à dompter la nature sauvage de l’atome – fidèle à la réputation d’excellence et de savoir-faire.

Schweizer Politik und Geschichte liefert eindeutig ausreichend Stoff für zahlreiche kurze Animationsfilme. So schuf in den 1990er-Jahren Jonas Raeber kontroverse Werke wie «Patt» (1990), «Hoffen auf bessere Zeiten» (1993), «Grüezi» (1995) und «Credo» (2000), in denen er sich mit der Armee, der Rüstungsindustrie, Fremdenfeindlichkeit und der katholischen Kirche beschäftigte. Doch solch explizit gesellschaftspolitische Themen wurden in den Jahren danach im Schweizer Animationsfilm nur noch vereinzelt behandelt. Marcel Barelli zeigt nun mit «Lucens» die diesbezüglichen Möglichkeiten auf.

Der Tessiner Marcel Barelli präsentierte sich bereits in den letzten Jahren als legitimer Nachfolger von Raeber. 2012 verknüpfte Barelli in «Gypaetus helveticus» auf satirische Weise die Ausrottung des Bartgeiers mit der Angst vor und dem mit Vorurteilen belasteten Umgang mit Fremden. Das Thema Umweltschutz und die tödlichen Auswirkungen von Pestiziden auf die Bienenvölker folgte dann in «Vigia» (2013), in dem der Grossvater von Barelli die Geschichte einer Biene erzählt, die dem Tod durch Umweltgifte zu entfliehen versucht.

Genau so aktuell ist nun «Lucens». Der Titel bezieht sich auf den Ort, wo 1961 mit dem Bau eines Versuchsatomkraftwerks begonnen wurde. Der Schwerwasserreaktor war eine schweizerische Eigenentwicklung. Nach langjährigen Verzögerungen mit Pannen und finanziellen Problemen erzeugte der Reaktor am 29. Janaur 1968 den ersten Nuklearstrom in der Schweiz. Doch nach einer zwischenzeitlichen Revision kam es bei der Wiederaufnahme des Betriebes am 21. Januar 1969 zu teilweisem Schmelzen eines Brennelementes, was schwere Schäden im Reaktorkern zur Folge hatte, womit ein Weiterbetrieb des Reaktors unmöglich wurde.

Historisches Bildmaterial dient Barelli als Ausgangspunkt für eine spöttische Aufarbeitung der Vorfälle. Der Filmemacher orientiert sich an den Schwarz-Weiss-Aufnahmen und lässt Cartoon-Menschen in grotesken Schutzanzügen ein zum Scheitern verurteiltes Projekt betreiben. Auf der Tonspur schildert der Kommentar neutral die Geschichte des Reaktors. Ironisch gebrochen wird die Schilderung durch die Bilder und die Musik. Der Kommentar erwähnt, wie das gesamte Material und auch das Wissen aus der Schweiz stammt – mit Ausnahme des Urans, nach dem aber mit viel Zuversicht am Fusse des Matterhorns gesucht wird. Während im Bericht auf die grosse Sorgfalt beim Betrieb hingewiesen wird, steckt sich ein Arbeiter nebem dem Reaktor eine Zigarette an, und die Atomkraft wird mit einer Peitsche gezähmt. So wundert es wenig, dass es bald zu ersten Störfällen kommt.

Ausserdem jagen die in Schutzanzüge gesteckten Experten mit einem Besen einen Bären aus dem neuen Gebäude, stecken sich gegenseitig Frauenfürze in die Hose oder benutzen die Bedienpulte als Steel-Drum-Instrumente, um ein wenig Calypso zu spielen. Nach dem letzten Unfall reisen die Experten ab und geben Auskunft über ihre zukünftigen Arbeitsorte. Sie geben allesamt Länder an, in denen es später ebenfalls zu leichten bis schweren Reaktorunfällen kommen wird: Frankreich (Saint-Laurent), Japan (Fukushima) und Ukraine (Tschernobyl).

Barelli lässt bei seiner Inszenierung keine Zweifel an seiner Botschaft aufkommen: Sicherheit im Zusammenspiel von Technik und Mensch sind für ihn eine trügerische Illusion. Der Filmemacher setzt dabei wie in seinen beiden vorherigen Werken auf einen respektlosen und teilweise auch leicht infantilen Humor. Die an und für sich ernste Thematik wird dadurch ein wenig in ihrer Relevanz geschmälert – obschon der Film aufgrund der gegenwärtigen Diskussionen über die Energiewende und die Entsorgung nuklearer Abfälle durchaus über allerhand politische Sprengkraft verfügen würde.

Bewertung: 5 Sterne

(Bilder: © Nadasdy Film Sarl)

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