«Erlkönig» von Georges Schwizgebel

Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir

Wenn es einen Schweizer Animationsfilmer mit unverkennbarer Handschrift gibt, dann ist das Georges Schwizgebel («Romance», «Retouches»). Seine Werke prägen sich durch markante Farbzeichnungen ein, die in ständiger Bewegung sind und vom Publikum eine fortlaufende Neuorientierung im Raum erfordern. Schwizgebel versucht in der Regel gar nicht erst, die Normen des konventionellen Films mit meist fixen Kamerapositionen zu imitieren, sondern nutzt alle Freiheiten des Animationsfilms, bewegt sich ohne Begrenzungen im Raum und rotiert den Blickwinkel virtuos um seine Figuren. Diese Stilmittel setzt Schwizgebel auch gewohnt eindrücklich in «Erlkönig» ein. Für diese literarische Adaption verzichtet er jedoch auch auf einen Teil seiner sonst üblichen Freiheiten.

Schon zuvor setzte sich Schwizgebel mit literarischen Vorlagen auseinander. So näherte er sich in «La jeune fille et les nuages» (2000) verspielt dem Märchen von Cinderella an und illustrierte in «L’homme sans ombre» (2004) verkürzt das Motiv der Siebenmeilenstiefel nach einer Erzählung von Adelbert von Chamisso. Musste er bei diesen Umsetzungen nur beschränkt auf die Vorlagen achten, sind ihm in Erlkönig klare Grenzen gesetzt. Vom gleichnamigen Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe lässt sich der Filmemacher seine Freiheit nämlich gleich doppelt einschränken: Einerseits orientiert sich Schwizgebel ganz klar an den Vorgaben der (im Film nicht zitierten) Zeilen aus dem Gedicht, andererseits dient ihm die musikalische Verarbeitung durch Franz Schubert, in der von Franz Liszt für Klavier adaptierten Form als Hintergrund, der ihm das Tempo vorgibt.

Wenn Schwizgebel den Vater mit seinem Kind rasant durch den Wald reiten lässt, dann berühren die Beine des Pferdes kaum die Erde. Losgelöst von den Zwängen der Realität gleiten die Figuren durch die Nacht, in der eine dunkle Gestalt auf den Knaben wartet. Auf die durch das Gedicht implizierte Frage des besorgten Vaters an den Sohn, wieso er einen bangen Blick hat («Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?»), zeigt dieser auf den Erlkönig («Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?»). Der Vater beschwichtigt, dass es sich bloss um einen Nebelstreif handelt («Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.»). So verwandeln sich die Verlockungen des Erlkönigs in Nebelwolken, dürre Blätter («In dürren Blättern säuselt der Wind.») und alte Weiden («Es scheinen die alten Weiden so grau.».

Meisterhaft setzt Schwizgebel den Text von Goethe in symbolistische Bilder um und spielt mit den drei Perspektiven von Vater, Erlkönig und Sohn. Dabei werden die Schreckensvorstellungen des Sohnes in scheinbar von Kinderhand gezeichneten Bildern festgehalten. Und in der Versprechung des Tanzes mit den singenden Töchtern flechtet Schwizgebel eine Hommage an das Gemälde «La danse» von Henri Matisse ein. «Erlkönig» feierte seine Weltpremiere am Filmfestival Locarno und wurde am Animationsfilmfestival Fantoche in Baden im Internationalen Wettbewerb mit dem Preis «Best Visual» und im Schweizer Wettbewerb als bestes Werk ausgezeichnet.

Bewertung: 5 Sterne

(Bilder: © Studio GDS)

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