«Watchmen» von Zack Snyder (Blu-ray)

Patrick Wilson, Malin Akerman und Jackie Earle Haley in «Watchmen»

I tell her, I don’t think there is a god. And if there is, I’m nothing like him.

Die Betrachtung von «Watchmen», der lang ersehnten Umsetzung des gefeierten Comics von Alan Moore und Dave Gibbons, auf Blu-ray-Disc bestätigt den ersten Eindruck: formal nicht vollständig überzeugend, inhaltlich aber durchgehend beeindruckend. Wie nicht anders zu erwarten war, kann die bildgewaltige Verfilmung von «300»-Regisseur Zack Snyder nicht alle Erwartungen erfüllen. Auch wenn Snyder im Trailer als visionärer Regisseur angepriesen wird, ist er eben noch lange nicht so stilsicher wie ein Stanley Kubrick, Terry Gilliam oder Tim Burton. Doch enttäuschend ist das Heldenepos keinesfalls.

In der alternativen Gegenwart von «Watchmen» sorgen maskierte Ordnungshüter für Sicherheit in der Gesellschaft. Ende der 30er-Jahre fühlen sich einige Menschen durch die Erschaffung der Superhelden in den «Action Comics» zu eigenen Heldentaten ermutigt. Sie schlüpfen in Verkleidungen und kämpfen gegen Verbrecher. Im Herbst 1939 schliesst sich eine Gruppe solcher Maskierter zu den Minutemen zusammen. Zehn Jahre später löst sie sich bereits wieder auf. Die Bilanz fiel ziemlich zwiespältig aus.

Minutemen

In my opinion the existence of life is highly overrated.

An einer ganz anderen Stelle beginnt jedoch der Comic und somit auch der sich ziemlich nah an der Vorlage orientierende Film von Zack Snyder. 1985 wird Edward Blake (Jeffrey Dean Morgan) in seiner Wohnung von einem Eindringling angegriffen und aus dem Fenster geworfen. Da sich seine Wohnung im 30. Stock befindet, ist er spätestens bei seiner Landung auf der Strasse tot. Doch Blake war kein gewöhnlicher Mensch, er war The Comedian, Mitglied der Minutemen und später in den 60er- und 70er-Jahren der Crimebusters, einer neuen Gruppe von Maskierten.

Ein anderer Crimebuster, der unheimliche Rorschach (Jackie Earle Haley) vermutet, dass The Comedian einer Verschwörung gegen die Watchmen zum Opfer fiel. Er warnt seine früheren Mitstreiter, auch den ehemals als Nite Owl II aktiven Dan Dreiberg (Patrick Wilson) und die bis dahin mit Dr. Manhattan (Billy Crudup) verkuppelte Laurie (Malin Akerman), die in den Fussstapfen ihrer Mutter (Carla Gugino) als Silk Spectre II auf Verbrecherjagd ging. Sie unterstützen Rorschach bei seinen Untersuchungen vorerst allerdings nicht.

Malin Akerman und Billy Crudup in «Watchmen»

Why would I save a world I no longer have any stake in?

Wer ist Dr. Manhattan? Im August 1959 wurde der Atomphysiker Jon Osterman in einem Reaktor zur Trennung von intrinsischen Feldern eingeschlossen. Das Experiment kann nicht mehr abgebrochen werden und Osterman wird atomisiert. Doch er kann sich wieder materialisieren und wird zu einer Supperwaffe im Kalten Krieg, zum unbezwingbaren Dr. Manhattan. Durch seine neue Beschaffenheit, die ihn unsterblich macht und ihn beliebig durch Raum und Zeit gleiten lässt, fühlt er sich aber auch immer weniger mit der Menschheit verbunden. Nicht nur Zeit ist relativ.

Im Mai 1971 greift Dr. Manhattan im Auftrag von Präsident Nixon in Vietnam ein. Eine Woche später ist der «Konflikt» beendet, die Vietcong ergeben sich. In der Folge lässt Nixon die Verfassung ändern, so dass er 1976 für eine dritte Amtszeit als Präsident gewählt werden kann. Die Watergate-Affäre übersteht er unbeschadet. War etwa The Comedian in die Beseitigung der Journalisten Woodward and Bernstein involviert?

Matthew Goode in «Watchmen»

Killing millions? – In order to save billions. A necessary crime.

Gleichzeitig zieht sich ein anderer Maskierter zurück. Ozymandias (Matthew Goode) enthüllt zudem seine wahre Identität. Er ist Millionär Adrian Veidt und baut durch die Vermarktung seiner Figur ein noch viel grösseres Imperium auf. Am 3. August 1977 tritt schliesslich das Keene-Gesetz in Kraft, das ab sofort die Ausübung von Selbstjustiz in der Form der Watchmen verbietet. Einzig Dr. Manhattan und The Comedian bleiben im Dienst der Regierung aktiv.

Auch Rorschach weigert sich, seine Verkleidung abzulegen. In den 80er-Jahren spitzt sich die Situation immer mehr zu. Die Doomsday Clock, die anzeigt, wie nahe die Welt vor der nuklearen Vernichtung steht, zeigt fünf vor zwölf an. Da erfolgt die Ermordung von The Comedian. Dies ist also die illustre Geschichte von der primär aus sechs Personen bestehenden Gruppe der Watchmen, von denen das erste Mitglied allerdings gleich zu Beginn das Zeitliche segnet. Wer steckt nun hinter der Ermordung von The Comedian und sind auch die übrigen Watchmen in Gefahr?

Wer den Comic von Alan Moore und Dave Gibbons kennt, wird an dieser Zusammenfassung vielleicht einige Elemente vermissen. Da ist zunächst einmal der parallel erzählte Piraten-Comic «Tales of the Black Freighter», der von einem Jungen so vertieft gelesen wird, dass er die Ereignisse um sich herum fast nicht wahrnimmt. In dieser Geschichte wird ein von Piraten überfallener Seefahrer, der seine Familie retten möchte, zu einem blutrünstigen Monster. Der Wahnsinn dieser Figur reflektiert den zweifelhaften Gerechtigkeitssinn von einigen Watchmen und besonders die moralisch unhaltbare Aufrüstung der Supermächte, die zum Schutz der eigenen Bevölkerung die Vernichtung der Erde in Kauf nehmen.

Die Handlung von «Watchmen» ist aber auch so schon relativ unübersichtlich. Daher ist es durchaus nachvollziehbar, dass Snyder die «Tales of the Black Freighter» zunächst in eine eigenständige Produktion ausgelagert hat. Auch der in diesem Zusammenhang auftretende Zeitungsverkäufer, der ziemlich einfältig den Zerfall der Gesellschaft beklagt, fehlt in der Verfilmung. Ebenso wurde die Rolle des Psychiaters, der durch die Behandlung von Rorschach verstörende Auswirkungen auf seine eigene Psyche feststellen muss, auf ein Minimum reduziert.

Solche kleineren, wenn auch nicht unwesentlichen Eingriffe sind durchaus verständlich. Schliesslich hätte eine bis aufs letzte Bild reproduzierte Fassung wohl gut vier Stunden gedauert (dagegen hätte ich allerdings auch keinen Einwand gehabt). Kontroverse Reaktionen dürfte womöglich das markant geänderte Ende haben. Ich bin begeistert davon. An die Stelle des etwas seltsam anmutenden, übernatürlichen Eingriffs tritt eine in der Logik des «Watchmen»-Universums vollständig schlüssige Lösung, die auch die anschliessende Entscheidung von Dr. Manhattan noch einleuchtender macht.

Von der Struktur her bewegen sich also Snyder und seine Drehbuchautoren David Hayter und Alex Tse vermutlich so eng wie von den Produzenten erlaubt an der Vorlage. Auch inhaltlich bleibt die Fülle an Themen und ihre Komplexität weitgehend erhalten. Dadurch wird auch eine wiederholte Betrachtung ganz bestimmt nicht langweilig werden. Über eine integrale Version mit «Tales of the Black Freighter» eingeflochten gibt es immer noch Gerüchte. Vorläufig ist im deutschsprachigen Raum aber nicht einmal der 24 Minuten länger «Director’s Cut» erhältlich, «Tales of the Black Freighter» gibt es nur auf DVD. Das ist schwach.

Bleiben noch einige kritische Berkungen zu der formalen Umsetzung. Auch hier dient die Vorlage zumindest auf der visuellen Ebene als verlässlicher Leitfaden. Einzig in der Montage der Bilder wirkt diese Produktion im Gegensatz zu «300» nicht wirklich immer wie aus einem Guss. Da entsteht zwischendurch der Eindruck, als ob Snyder vom Ausmass dieser Produktion doch ein wenig überfordert war. Im Vergleich mit «300» lässt sich auch noch anmerken, dass auch in «Watchmen» die Gewalt ein wenig zu lustvoll ästhetisch inszeniert wurde.

Patrick Wilson in «Watchmen»

I can change almost anything. But I can’t change human nature.

Zum Abschluss noch zwei Anmerkungen zu Szenen, die in der Pressevorführung für Lacher sorgten. Über die Doomsday Clock lachten nur Banausen. Die gibt es nämlich tatsächlich. Die Zeitschrift «Bulletin of Atomic Scientists» überprüft alle zwei Monate die Bedrohungen der Welt. 1947 wurde die Doomsday Clock das erste mal gestellt – auf sieben Minuten vor zwölf. Schon 1949 wurde sie um vier Minuten vorgestellt – auf 11.57 Uhr. Grund waren die ersten Atomtests der damaligen Sowjetunion. In jüngster Zeit werden in die Berechnung der Uhrzeit auch klimatische Veränderungen und die Gefahren von biologischen Waffen einbezogen, so dass die Uhr seit dem 17. Januar 2007 wieder einmal auf fünf vor zwölf steht.

Wirklich sehr amüsant war hingegen die Nase von Richard Nixon. Wieso die Filmemacher dem Politiker eine Obelix-Nase verpasst haben, kann ich nicht ganz verstehen. So sieht die Figur mehr wie eine Karikatur aus. In den Illustrationen von Dave Gibbons ist der Knollen im Gesicht von Nixon niemals so monströs.

Malin Akerman und Patrick Wilson in «Watchmen»

Die Bildqualität der Blu-ray-Disc ist perfekt. Die Tonspur in Dolby TrueHD 5.1 gibt die Toneffekte und Musik sehr dynamisch wieder. Insbesondere die Szenen mit Regen sind sehr schön abgemischt. Das Bonusmaterial ist auf einer zweiten Blu-ray-Disc enthalten und besteht in erster Linie aus drei soliden Berichten. In «Mechanics» (17 Minuten) erklärt ein Physiker die wissenschaftlichen Hintergründe. Die blaue Erscheinung von Dr. Manhattan ist demnach auf die Tscherenkow-Strahlung zurückzuführen. In «The Phenomenon» (29 Minuten) wird über die Bedeutung des Comics gesprochen. Darin melden sich auch Dave Gibbons und John Higgins ausführlich zu Wort.

Verblüffend und leicht grotesk ist der dritte Bericht. In «Real Superheroes» (26 Minuten) werden selbsternannte Ordnungshüter vorgestellt und kritisch beleuchtet, wie etwa die Guardian Angels aus New York oder Bernhard Goetz, der 1984 vier junge Männer erschossen hat, die ihn angeblich ausrauben wollten. Verurteilt wurde Goetz wegen illegalen Besitzes einer Schusswaffe. Sehr bizarr sind Tothian und Eliptico.

Ausserdem gibt auf der Blu-ray-Disc das Musikvideo «Desolation Row» von My Chemical Romance, elf zwischen drei und vier Minuten lange Kurzbeiträge über die Entstehung des Films sowie ein für das virale Marketing eingesetzte Video. Sämtliche Extras liegen in High Definition vor. Da kein Audiokommentar vorhanden ist, drängt sich der Verdacht auf, dass spätestens nächstes Jahr eine «Ultimate» oder ähnlich betitelte Edition erhältlich sein wird.

Bewertung: 5 Sterne
Bild-/Tonqualität (Blu-ray): 6 Sterne
Bonusmaterial
(Blu-ray): 5 Sterne

(Bilder: ©2009 Paramount)

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Ein Kommentar to “«Watchmen» von Zack Snyder (Blu-ray)”

  1. David says:

    Ich habe den Comic gelesen und hier nichts vermisst.
    Habe den Film gesehen und auch nichts vermisst. Das liegt vermutlich daran, weil ich nicht so ein euphorischer Fan des Comics bin. Ich habe es gelesen und fand es ganz gut, musste aber eben feststellen, dass ich da viel zu oberflächlich war. Vieles ist mir beim Lesen entgangen, deswegen war der Film für mich vollständig und perfekt.
    Ich fand Watchmen wirklich zu jedem Zeitpunkt hervorragend.

    Und das mit dem Black Freighter: von dem Film habe ich schon öfters gehört und merke jetzt erst, dass das aus Watchmen ist. :-) Ich habe Watchmen wohl sehr oberflächlich gelesen. Jetzt wo ich es hier lese, erinnere ich mich an den Jungen, der da irgendwas liest, aber ich hätte niemals sagen können, worum es dabei ging.
    Vorsatz für’s Wochenende: Watchmen noch mal lesen. Und am besten danach noch mal den Film gucken.

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