«Le scaphandre et le papillon» von Julian Schnabel

«Le scaphandre et le papillon»

Diesen Film muss, ja wirklich, den muss man gesehen haben! «Le scaphandre et le papillon» ist ein überwältigendes Meisterwerk über einen erstaunlichen Menschen, dem es trotz bitterem Schicksalsschlag gelingt, seinem Leben eine neue Bedeutung zu geben. Der Film ist zwar auch traurig, gleichzeitig zelebriert er aber eine unbeschreibliche Lebensfreude.

Als Jean-Dominique Bauby (Mathieu Amalric, «Quantum of Solace») seine Augen öffnet, sieht er Krankenschwestern und Ärzte um sich. Er versucht sich zu verständigen, doch die Ärzte erklären ihm, dass er nach einem Schlaganfall zwar bei vollem Verstand, aber auch vollkommen gelähmt ist. Bauby leidet am sogenannten Locked-in-Syndrom. Nur die Augen kann er noch bewegen. Wegen Infektionsgefahr wird jedoch das rechte Auge zugenäht. So blickt er durch ein Auge in die Welt – wie in einer Taucherglocke (scaphandre) eingesperrt.

Marie-Josée Croze in «Le scaphandre et le papillon»Neben den Ärzten kümmern sich eine Logopädin (Marie-Josée Croze) und eine Therapeutin (Olatz López Garmendia) um den gelähmten Bauby. Die Logopädin macht ihn mit einem Alphabet vertraut, dass es ihm ermöglicht, mit den Mitmenschen zu kommunizieren. Wird der richtige Buchstabe erreicht, blinzelt Bauby mit dem Auge. Wie Bauby bald erkennt, ist er zwar in einer Taucherglocke gefangen, doch seine Vorstellungskraft und seine Erinnerungen sind frei wie ein Schmetterling (papillon). Sie sind die einzigen Möglichkeiten, um aus der Taucherglocke zu entkommen. Und er nutzt sie fantasievoll.

Mit dem Blinzeln seines Auges diktiert Bauby einer Lektorin (Anne Consigny) seine Memoiren und lässt darin nicht nur sein Leben Revue passieren. Allmählich streift Bauby seine Niedergeschlagenheit ab und gewöhnt sich an sein Dasein in Gedankenwelten. So gelangt er etwa zurück zur letzten Begegnung mit seinem Vater (Max von Sydow) oder zu einem Ausflug mit seiner Geliebten (Marina Hands) nach Lourdes. Nach vierzehn Monaten ist sein Lebenswerk vollbracht. Zehn Tage nach der Veröffentlichung seiner Autobiografie stirbt Bauby an den Folgen einer Lungenentzündung.

Anne Consigny in «Le scaphandre et le papillon»«Le scaphandre et le papillon» ist die Verfilmung der Memoiren von Jean-Dominique Bauby, der vor seiner Erkrankung Chefredaktor der französischen Ausgabe von «Elle» war. Der Film ist in erster Linie durch die Herangehensweise an das Thema einzigartig. Regisseur Julian Schnabel nimmt die Zuschauer zuerst mit in den Körper von Bauby. Die Kamera von Janusz Kaminski wird zum Auge von Bauby. Erst nach einer Weile kommen auch andere Perspektiven zum Zug, doch das Erlebnis von Bauby bleibt im Zentrum der Erzählung. So sind dann auch die meisten anderen Erzählperspektiven Erinnerungen oder Gedankenausflüge von Bauby.

Schnabel, Kaminski und Drehbuchautor Ronald Harwood haben eine Meisterleistung vollbracht. Kitschig und sentimental hätte diese Umsetzung werden können. Stattdessen gelingt es den Filmemachern, das schreckliche Schicksal gleichsam erschütternd und herzerwärmend zu schildern. Dies ist ihnen sicher auch durch den Umgang von Bauby mit seinem Leben in der Taucherglocke möglich. Obschon sein Körper gelähmt ist, verliert Bauby nicht seinen Humor, der zum teil zwar sehr zynisch, aber auch äusserst ehrlich und entlarvend ist. Bauby fasst seine Situation als Idee für ein Theaterstück zusammen: Der Ehrgeizige und eher Zynische, dem bisher alles gelungen ist, muss lernen, was Hilflosigkeit ist.

Die scheinbar unmitteilbare Gefühlswelt von Bauby wird durch die Darstellung von Schnabel, Kaminski und Harwood direkt fühlbar. Die ausgelösten Emotionen sind teilweise niederschlagend, dann aber auch wieder poetisch befreiend und strahlen immer wieder einen unendlichen Lebenswillen aus. Der Film von Schnabel bietet dadurch ein grossartiges, leidenschaftliches Filmerlebnis. Auf der DVD sind ein 12-minütiger Drehbericht, eine 7-minütige Dokumentation über die visuelle Umsetzung sowie ein 20-minütiges Interview von Schnabel mit Charlie Rose enthalten.

Film: 6 Sterne
Bild-/Tonqualität: 5 Sterne
Bonusmaterial:
3 Sterne

(Bilder: ©Warner Bros.)

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