«Ekstase» mit Hedy Lamarr

Hedy Kiesler in «Ekstase»

Um manche Filme ranken sich so wilde Gerüchte, dass die Realität niemals die Vorstellungen erfüllen kann. Ein solch legendärer Film ist ganz bestimmt das tschechich-österreichische Drama «Ekstase» von 1933. Den Gerüchten nach müsste der Film eigentlich «Sextase» heissen. «Der Film, von dem die ganze Welt flüstert,» ist auf dem Plakat von der westdeutschen Wiederaufführung von 1950 zu lesen. Dort wird auch nicht mehr der Name Hedy Kiesler erwähnt, stattdessen lockt die Hollywood-Göttin Hedy Lamarr.

Die Hauptdarstellerin Hedy Kiesler ist erst Mite der 30er-Jahre in die USA ausgewandert, wo sie unter dem Künstlernamen Hedy Lamarr in den Status der «schönsten Frau des Jahrhunderts» erhoben wurde. Die Emigration erfolgte nach der Trennung von ihrem ersten Mann, dem österreichischen Waffenhersteller Fritz Mandl. Der soll auch alle Kopien des skandalösen Werks «Ekstase» aufgekauft haben, in dem seine Gattin vor der Hochzeit als erste Nackte in die Filmgeschichte einging. Auf seltsame Weise spiegelt der Film so auch ein wenig das Leben von Hedy Kiesler.

Die frischvermählte Eva (Lamarr) ist überglücklich, als sie von ihrem Gatten Emil über die Schwelle der gemeinsamen Wohnung getragen wird. Doch die Freude dauert nicht lange an, denn der schon um einige Jahre ältere Emil ist nicht sonderlich von den Reizen seiner jungen Braut beeindruckt. Die vernachlässigte Eva flüchtet aus der Ehe auf das Landgut ihres Vaters und reicht die Scheidung ein. Bei einem Ausritt entschliesst sie sich für einen kurzen Abkühlung im See. Doch oh jeh, das Pferd mit dem Kleid auf dem Rücken folgt den Lockrufen eines anderen Pferds.

Hedy Kiesler und Aribert Mog in «Ekstase»

Eva macht sich auf die Verfolgung und begegnet im Adams-, äh, Evakostüm dem strammen Bauleiter Adam, der das flüchtige Pferd eingefangen hat. Nach anfänglicher Abneigung funkt es doch noch zwischen den beiden und so kommt es am Abend zu einer ekstatischen Liebesnacht. Die wird zwar nur im Gesicht von Eva und einigen anderen Einstellungen angedeutet, aber immerhin. Doch die frische Liebe wird bald getrübt. Emil taucht auf dem Landgut von Evas Vater auf und möchte seine Gattin wieder für sich gewinnen.

«Ekstase» ist nicht gerade ein Meisterwerk und wäre ohne den unbekleideten Auftritt von Lamarr möglicherweise völlig in Vergessenheit geraten. Die Inszenierung hat aber auch durchaus andere Reize zu bieten. Das Werk von Regisseur Gustav Machatý ist irgendwie gefangen zwischen dem deutschen Expressionismus und dem Körperkult einer Leni Riefenstahl. Spannend ist auch die Wiederholung der Motive und der Symbolik, etwa von der Biene und dem Sturm.

Die letzten zehn Minuten, die wie ein Arbeiterfilm inszeniert sind und einige bemerkenswerte Einstellungen enthalten, sind dann ziemlich rätselhaft. Entspringen die letzten Aufnahmen von Eva und einem Kind einzig der Vorstellung von Adam? Und was hat es mit der in einem Gewässer gespiegelten Begegnung von einem Mann und einer Frau auf sich? Die Bildqualität der DVD ist dem Alter des Films entsprechend nicht gerade überwältigend, aber vermutlich den Möglichkeiten entsprechend restauriert.

Die Doppel-DVD aus der Edition Filmmuseum wird allerdings nicht in erster Linie als Wiedergabe von «Ekstase» verkauft, sondern steht unter der Überschrift «Hedy Lamarr: Secrets of a Hollywood Star». Das ist der Titel eines mittelmässigen Dokumentarfilms über die geheimnisvolle Lamarr, der weniger hinter diesen Mythos dringen als ihn vielmehr nähren möchte. So sind recht eigenartige Interviews enthalten, in denen die Zeitzeugen hauptsächlich sich selbst inszenieren.

Die meisten Interviewten sind zwar Lamarr irgendwie begegnet, ihr Wissen über den Hollywood-Star beschränkt sich aber häufig auf Vermutungen. So spricht der Journalist Hans Janitschek Sätze wie «So viel ich weiss, war sie am Reinhardt-Seminar» in die Kamera. Da ist die Formulierung aufschlussreicher als die Aussage. Der ganze Film ist durchsetzt von solchen Vermutungen und (Un-)Wahrscheinlichkeiten. Mickey Rooney und Kenneth Anger dürfen sich ebenfalls sehr emotional äussern. Durchaus spannend ist hingegen das Archivmaterial.

Interessant ist der Film letztlich aber doch nur, um zu sehen, wie sich die befragten Personen in Szene setzen und die Regisseure das Material nach ihren Wünschen manipulieren. Besonders esoterisch sind einige Aussagen von Lamarr, die aus einem Interview des ORF von 1970 stammen: «Ich sehe und höre alles viel mehr als alle anderen. Es wirkt sich nicht aus, weil ich tue’s nicht zeigen.» Oder: «Leben ohne Liebe kann ich nicht. Ist auch wahr, das ist falsch, Und hier in diesem Land ist Geld vor Liebe.»

Solche aus dem Kontext gerissenen Sätze werden zu einem sehr eigenartigen Porträt zusammengefügt. Auch der adoptierte Sohn von Lamarr, der vermutlich ihr leiblicher Sohn war, lässt sich auf das Spiel der Regisseure ein und kombiniert sein Halbwissen mit Fakten, die ganz bestimmt nicht aus seiner eigenen Erfahrung stammen. Er war noch keine 10 Jahre alt, als er von einer anderen Familie aufgenommen wurde. Trotzdem äussert er sich über die Karriere von Lamarr: «That was probably the beginning of her losing contracts.» Schlüsselword auch in diesem Satz: «probably.» Ganz schrecklich sind schliesslich die verfärbten Filmausschnitte. Das ist nicht kunstvoll, sondern lediglich nervend.

Aushangbild zu «Ekstase»

Das Bonusmaterial zum Dokumentarfilm besteht hauptsächlich aus einem entfallenen Interview mit dem exzentrischen Coiffeur Eric Root. Auf der DVD von «Ekstase» sind Aushangbilder (Bild 3) enthalten, auf denen Lamarr bedeutend freizügigerals jemals im Film zu sehen ist. Besondere Erwähnung verdient der vorzügliche CD-Rom-Bereich. Da sind neben zahlreichen Texten auch umfangreiche Fotosammlungen enthalten. 243 Fotos stammen aus dem Archiv von Louis Figueras, 124 von Marvin Page. Zwei Texte zu «Extase» behandeln zudem den Mythos und die unterschiedlichen Versionen. Besonders gelungen ist der zweite Text, in den auch direkte Vergleiche der Filmszenen eingebaut sind, die zum Teil noch vollständiger sind, als in der auf der DVD enthaltenen Version.

Von «Ekstase» sind durch Bearbeitung und Zensureingriffe im Laufe der Zeit verschiedene Versionen entstanden. Im nationalsozialistisch regierten Deutschland wurde der Film im Februar 1933 verboten und zur im Januar 1935 erstmals aufgeführten «Symphonie der Liebe» umgearbeitet. Wie Armin Loacker in einem Text im CD-Rom-Bereich schreibt, lässt sich «aus zeitgenössischen Quellen nachvollziehen, dass die deutsch- und tschechischsprachigen Versionen aus 1933 demselben Handlungsablauf folgten, auch bei den spärlichen Dialogen gab es offenbar keine relevanten Abweichungen.» In «Symphonie der Liebe» wurde Adam übrigens auf Paul umgetauft.

«Extase»: 4 Sterne
«Hedy Lamarr: Secrets of a Hollywood Star»: 2 Sterne
Bild-/Tonqualität: 4 Sterne
Bonusmaterial:
5 Sterne

(Bilder: ©Edition Filmmuseum)

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