«Beowulf» von Robert Zemeckis (Blu-ray)

«Beowulf»

Als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent hat Robert Zemeckis einige der beliebtesten Filme der letzten 25 Jahre auf die Leinwand gebracht. 1984 hetzte er Michael Douglas und Kathleen Turner in «Romancing the Stone» durch den kolumbianischen Dschungel, ein Jahr später schickte er Michael J. Fox in «Back to the Future» in die Vergangenheit. Die beiden Fortsetzungen gehen ebenso auf sein Konto wie die schwarze Komödie «Death Becomes Her» oder die beiden Hits «Forrest Gump» und «Cast Away» mit Tom Hanks. Schon früh zeigte sich dabei seine Faszination für Spezieleffekte.

Besonders «Forrest Gump» ist durch die Vielzahl an «unsichtbaren» visuellen Effekten ein Modell für die Möglichkeiten der digitalen Animation. Vor drei Jahren drehte Zemeckis mit «The Polar Express» erstmals einen komplett mit digitalen Figuren ausgestatteten Spielfilm und produzierte danach «Monster House». Ganz aus dem Computer errechnet sind die Charaktere in diesen Filmen allerdings nicht. Die neue Wundertechnik heisst Motion Capture, die etwa auch für Gollum aus «The Lord of the Rings» angewendet worden ist. Diese Methode verwendete Zemeckis auch für die Verfilmung der Legende von «Beowulf».

Der erste Text mit dem Studenten der Anglistik konfrontiert werden, ist häufig dieses in Altenglisch verfasste, epische Heldengedicht von Beowulf. Der Text ist das bedeutendste überlieferte Werk angelsächsicher Heldendichtung. Der Gaute Beowulf (Ray Winstone) fährt über stürmisches Meer mit seinen Gefährten nach Dänemark, um Hrothgar, dem König der Dänen (Anthony Hopkins), und seiner verführerischen Gattin (Robin Wright Penn) beizustehen. Der König hat zur Feier einer gewonnen Schlacht eine Festhalle gebaut. Doch die Gesänge der Krieger haben das menschenfressende Ungeheuer Grendel (Crispin Glover) aufgebracht. Beowulf verspricht, das Monster zu vernichten.

Zuerst kann Beowulf in einem fürchterlichen Kampf Grendel besiegen. Dessen Mutter (Angelina Jolie), möglicherweiese eine Walküre oder eine Göttin, strebt nun nach Rache und greift die Männer von Beowulf an. Der Held macht sich auf die Jagd nach dem zerstörerischen Ungeheuer und vernichtet sie in ihrer Höhle. An dieser Stelle weichen aber die Drehbuchautoren des Films, Neil Gaiman («Stardust») und Roger Avary, deutlich von der überlieferten Geschichte ab.

«Beowulf»Um den zweitel Teil der Geschichte, in dem das von Beowulf übernommene Königreich von einem feuerspeienden Drachen angegriffen wird, mit dem ersten zu verknüpfen, lassen sie Beowulf den Reizen von Grendels Mutter erliegen. Anstatt ihr den Kopf abzuschlagen stösst er sein Fortpflanzungsglied in sie und zeugt so den Drachen, der später sein Land verwüsten soll. Im Kampf gegen seinen «Sohn» wird Beowulf schliesslich sein Leben verlieren. Der Psychologe Sigmund Freud hätte natürlich seine wahre Freude an dieser phallischen Reinterpretation der Geschichte gehabt. Wirklich überzeugend ist sie allerdings nicht.

Die Handlung ist aber sowieso nur sekundär in diesem wahlweise bescheuert gigantischen oder gigantisch bescheuerten Epos. Das soll keineswegs negativ verstanden werden. Nicht nur die technische Umsetzung ist brillant, auch die Schauspieler und die Inszenierung sind umwerfend. Bestaunt wird aber doch in erster Linie die Technik, denn dieser Film ist eigentlich ein einziger digitaler Effekt. Noch sind nicht alle Bewegungen ganz sauber, aber zum Teil sind die Figuren schon sehr lebensecht.

Mit dem System der Motion Capture werden die Schauspieler zuerst gefilmt und nachher durch digitale Masken ersetzt. Diese sind zwar animiert, da aber die Bewegungen im Computer nachgerechnet und nicht Bild für Bild animiert werden, stellt sich die Frage, ob «Beowulf» überhaupt ein Animationsfilm im herkömmlichen Sinn ist. Ein Spektakel im Stil von «300» ist er allemal. Wenn Beowulf «I am Beowulf!» schreit, ist überdeutlich Leonidas und seine Proklamation «This is Sparta!» zu hören.

Durch seine uneingeschränkte Heldenverehrung haftet dem Epos aber auch etwas eigentümlich Unzeitgemässes an. Umso erstaunlicher, dass diese vorzeitliche Urtümlichkeit nicht voll ausgelebt wird. Einerseits werden die Heldengeschichten von Beowulf immer wieder kritisch hinterfragt. Andererseits erweckt besonders die Szene mit dem Nacktkampf von Beowulf mit Grendel den Eindruck, dass sich die Filmemacher ein bisschen zu viel «Austin Powers» oder «The Simpsons Movie» angeschaut haben.

Als ich mir den Film ein zweites Mal angeschaut habe, ist mir erst richtig aufgefallen, dass «Beowulf» beinahe schon eine Parodie der Heldengeschichte ist. Viele Szenen sind nämlich geradezu lächerlich. Wenn etwa das Monster Grendel fürchterlich sabbert oder das schlabbernde Gewand von Hrothgar immer wieder seine Männlichkeit zu enthüllen droht, dann ist das mehr komisch als furchterregend oder episch.

Gutes Beispiel hierfür ist auch das wiederholt erwähnte dritte Bein des Helden. Der Dolch, den er in die Mutter von Grendel stösst, wird immer von Gegenständen verdeckt, einmal auch von einem Arm. Das ist besonders deshalb lächerlich, weil die Mutter von Grendel splitternackt, wenn auch anatomisch nicht in allen Details ausgearbeitet (die Brustwarzen fehlen und die Gegend im Schritt ist nicht ausgeformt), durchs Bild schreiten darf und in «The Simpsons Movie» sogar der winzige Schniedelwutz von Bart Simpson zu sehen ist. Die Produzenten wollten aber offensichtlich in den USA die Altersfreigabe PG-13 nicht aufs Spiel setzen. Dabei quillt der Film sonst von sexuellen Zwei- und auch Eindeutigkeiten nur so über.

«Beowulf»Wie Zemeckis im Bonusmaterial auf der Blu-ray-Disc ausführt, sind diese profanen Ergänzungen der Geschichte vollends beabsichtigt gewesen: «It’s all about eating, drinking, killing and fornicating.» Seine Geschichte handle vom Fressen, Trinken, Töten und Unzucht. Im 25-minütigen Drehbericht «A Hero’s Journey: The Making of Beowulf» wird zudem gezeigt, wie sich Winstone für die Dreharbeiten vorbereitet und danach im leeren Raum agieren muss. Dazwischen taucht auch noch Tom Hanks auf, der ja schon in «The Polar Express» Erfahrungen mit der neuen Technologie sammeln durfte.

Rund 22 Minuten dauern vierzehn Beiträge, in denen die Technologie in ihre Einzelteile zerlegt wird. Da werden auch die Fortschritte seit «The Polar Express» erklärt, und Winstone ist in der Rolle des Drachen zu sehen. Ein wenig irritierend ist hier einzig das immer wieder erscheinende Signet der Produktion, wenn die Schnipsel aufeinander folgend abgespielt. Vier weitere, zwischen zwei und sieben Minuten lange Extras behandeln die Ursprünge der Geschichte sowie die künstlerische Gestaltung. Besonders witzig ist der Beitrag über Winstone, der sich über die markante Veränderung seiner Gestalt zur Figur im Film amüsiert.

Gut elf Minuten entfallene Szenen in einer Rohfassung geben einen zusätzlichen Eindruck von der Entwicklung der Technik. Da das Quellmaterial für diese Blu-ray-Disc schon in digitaler Form vorliegt, ist es wenig verwunderlich, dass die Bildqualität erstklassig ist. Auf der Doppel-DVD ist das gleich Bonusmaterial enthalten, wie auf der Blu-ray-Disc.

Film: 4 Sterne
Bildqualität (Blu-ray): 6 Sterne
Tonqualität (Blu-ray): 5 Sterne
Bonusmaterial (Blu-ray):
5 Sterne

(Bilder: ©Warner Home Video)

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