«Sennentuntschi» im Strudel der Finanzkrise

Andrea Zogg, Roxane Mesquida, Joel Basman und Carlos Leal

Im Oktober habe ich die Dreharbeiten von «Sennentuntschi» besucht. Mittlerweile ist von diesem Film vor allem im Zusammenhang mit den fehlenden Finanzen zu lesen. Michael Sennhauser hat das Dilemma, in dem sich Michael Steiner und seine Produktionsfirma Kontraproduktion befindet, ziemlich treffend analysiert. Daher verliere ich auch nicht zu viele Wörter über die unangenehme Situation. Einzig noch mein Lösungsvorschlag: Die Banker liefern ihre sowieso unverdienten Boni des letzten Jahres an Kontraproduktion ab, dann hat Steiner auch gleich die Finanzierung seiner zukünftigen Werke gesichert.

Aus aktuellem Anlass nachfolgend noch einmal mein leicht angepasster Bericht von den Dreharbeiten in Uster, dieses Mal mit grösseren Bildern und einer zusätzlichen Aufnahme von Roxane Mesquida.

Im Herbst 2009 hätte das Alpenmärchen «Sennentuntschi» in die Kinos kommen sollen. Bis Mitte November entstanden in der in ein Filmstudio umgewandelten Produktionshalle einer alten Textilfabrik in Uster noch die letzten Szenen. Die gleichen Bühnenbildner, die schon für «Cargo» die Kulissen gebaut haben, errichteten in der Halle eine Polizeistation, eine Wohnung und eine Alphütte. Am 31. Oktober durfte die Presse die Dreharbeiten beobachten. Zuerst erzählten jedoch Regisseur Michael Steiner sowie die Schauspieler Roxane Mesquida, Andrea Zogg, Carlos Leal und Joel Basman vom Projekt.

Sex und Blasphemie seien gemäss Steiner in den 70er-Jahren der Grund dafür gewesen, dass das Theaterstück «Sennentuntschi» von Hansjörg Schneider einen Skandal auslöste. Der Erfolgsregisseur («Mein Name ist Eugen», «Grounding») verlegt die Ursage über vereinsamte Bergler in die 70er-Jahre und betont, dass er diesen beiden Elementen nicht ausweichen wird, aber seine Geschichte mehr eine Reflektion des Mythos sei. Sex und Gotteslästerung stellen in der Fassung von Drehbuchautor Michael Sauter und ihm nur zwei Elemente in einer grösseren Gebilde dar, das nötig war, um die Geschichte in die Neuzeit zu bringen.

Andrea Zogg und Carlos Leal

In der Fassung von Steiner und Sauter taucht eine fremde, verstörte Frau während einer Beerdigungsprozession wie aus dem Nichts in einem kleinen Bergdorf auf. Die Geschichte führt gemäss Inhaltsangabe tief in die Welt der abgeschiedenen Schweizer Berge, auf den Schauplatz einer Tragödie aus Lust, Wahnsinn und Mord: «Die Menschen verlieren dabei weit mehr als ihren Glauben an das, was die Welt im Innersten zusammen hält. Denn wo fromme Raserei, Inzest und Dämonenglaube ihren teuflischen Reigen tanzen, hat jede Wahrheit einen doppelten Boden, jedes Ereignis seine schreckliche Spiegelung.»

Nicht ganz so unheilvoll hören sich die Geschichten von den Dreharbeiten im Schächental, im Bergell und im Tirol an. Leal schwärmt vom Aufenthalt in den Alpen, wo er unglaubliche Landschaften entdeckt habe. Besonders beeindruckt habe ihn das Schächental. Die Schönheit der Natur würde im Kino sicher ihre volle Wirkung entfalten. Im Schächental lernte das Filmteam auch die Gefahren der Alpen kennen, als ein Steinschlag auf sie niederging. Die französischen Tontechniker haben überlebt, obschon ihnen bis dahin die Bedeutung des Worts «Achtung» unbekannt war.

«Sennentuntschi»

Leal spielt seine Rolle auf Schweizerdeutsch – ein Züritütsch mit französischem Akzent, wie Steiner ausführt. Das habe ihm keine Probleme bereitet, nun befürchtet Leal lediglich, dass er in Zukunft auf Schweizerdeutsch angesprochen werde. Auch die zauberhafte Hauptdarstellerin Roxane Mesquida hat während den Dreharbeiten einige Brocken Schweizerdeutsch gelernt. Als Kostprobe bietet sie nicht eines der vielen Schimpfwörter, sondern «Heb de Latz!» Den Latz hält hingegen sie im Film, denn ihre Figur ist vollkommen stumm.

Steiner behauptet dann auch noch, dass die Handlung in einem Bündner Dorf spiele, weil Zogg nur Bündnerdeutsch spreche. In verschiedenen Dialekten widerspricht Zogg sofort heftig. Anschliessend folgt ein Rundgang durch die Kulissen. Dort sind die Handwerker immer noch fleissig mit der Einrichtung der Räume beschäftigt, und in der Alphütte wird gerade die anstehende Szene ausgeleuchtet. Steiner probt derweil diese Szene mit seinen Schauspielern, die aber auch immer wieder durch die Kulissen geistern und den Medienvertretern Auskunft geben. Schliesslich treten die Schauspieler vor die Kamera.

Roxane Mesquida

(Fotos: ©filmsprung.ch/Thomas Hunziker)

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