«Berlin – Die Sinfonie der Grosstadt»

«Berlin – Die Sinfonie der Grosstadt»

Jede Stadt hat einen Puls. Den von Berlin hat Walther Ruttmann 1927 gefühlt. In «Berlin – Die Sinfonie der Grosstadt» fügte er Aufnahmen des Alltags zu einem musikalischen Tagesablauf zusammen. Rhythmus und Bewegung bestimmen die Kompositionen, von den ruhigen Morgenszenen, dem langsamen Aufwachen über das hektische Fabrikationstempo bis hin zum vielfältigen Freizeitangebot am Abend. Die Dynamik der Bilder im Zusammenspiel mit der Musik von Edmund Meisel («Panzerkreuzer Potemkin») ist auch noch über 80 Jahre später elektrisierend.

Die musikalische Filmessay ist deutlich mehr als nur ein Zeitdokument. Besonders der Auftakt, die Einfahrt des Nachtzugs nach Berlin, zeichnet sich durch ungewohnt rasante Schnittfolgen aus. Obschon das kühne Werk anschliessend ein gemächlicheres Tempo anschlägt, enthalten auch spätere Szenen einige gewagte Kameraeinstellungen. Daneben entsteht durch den Film natürlich auch ein Eindruck des Lebens in Berlin. Mein Lieblingsmoment ist ganz klar die Aufnahme von den mit Löwenjungen spielenden Kindern.

«Berlin – Die Sinfonie der Grosstadt»

Die Doppel-DVD aus der «Edition Filmmuseum» bietet zusätzlich einen umfassenden Einblick in das Werk des Filmpioniers Ruttmann. Neben dem Hauptfilm sind zahlreiche handkolorierte Trickfilme vorhanden, vier davon eigenständige Werke, in sechs weiteren setzte Ruttmann seine Formenspiele in leicht konkreterer Zeichensprache für die Werbung ein. Von «Melodie der Welt», dem zwei Jahre später entstandenen, ersten abendfüllenden deutschen Tonfilm, ist eine Rekonstruktion enthalten. Aussergewöhnlich ist der experimentelle Hörspielfilm «Weekend», der wahlweise als ein symphonisches Gemälde, ein Film ohne Bilder oder ein Eigenkunstwerk des Rundfunks bezeichnet wird.

Bemerkenswert ist auch der auf der DVD enthaltene, 85-minütige Radiobeitrag des Bayerischen Rundfunks von 1987, in dem das Leben und Schaffen von Ruttmann eingehend gewürdigt und analysiert wird. 1907 studierte er in Zürich Architektur. Zwei Jahre später wendete er sich in München der Malerei zu und freundet sich mit Paul Klee an. Nach dem Ersten Weltkrieg wechselte er von der impressionistischen zur abstrakten Malerei. 1919 gründete er seine eigene Filmgesellschaft, die Ruttmann Film GmbH und stellte daraufhin seinen ersten Trickfilm her: «Lichtspiel Opus I».

«Opus II»

1927 fertigt er «Berlin – Die Sinfonie der Grosstadt» an. Die kühle Sachlichkeit der Aufnahmen bringt Ruttmann in die Kritik. Siegfried Kracauer wirft Ruttmann in der «Frankfurter Zeitung» vom 1. Dezember 1928 Haltungslosigkeit vor und «fehlendes Verständnis für die gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Struktur der Grosstadt Berlin.» Dokumentarfilmer John Grierson urteilt im «Cinema Quarterly» vom Frühjahr 1933 noch härter. Er hält den Film wegen des fehlenden sozialen Kommentars für eine Gefahr: «Er enthält Opium.»

Diese Einschätzung wirkte lange nach. 1975 schreibt der Dokumentarfilmer Klaus Wildenhahn: «Man wird diesem Film alle Anlagen zur Entmenschlichung nachsagen müssen, die knapp zehn Jahre später bei Leni Riefenstahl ihren formalisierten Höhepunkt fanden.» Diese Vermischung ist klar übertrieben. Stilelemente werden zwar in Riefenstahls «Triumph des Willens» aufgegriffen, aber in völlig anderer Verwendung.

Nur wegen der mangelnden politischen Botschaft kann Ruttmanns Werk ganz bestimmt nicht als Vorläufer des nationalsozialistischen Films verurteilt werden, obschon er später in Diensten von Goebbels Propagandaministerium Filme drehte. In «Berlin – Die Sinfonie der Grosstadt» richtete er seinen Blick durchaus unvoreingenommen auf alle Berufsgruppen und Bevölkerungsschichten. Durch die meisterliche DVD-Edition kann nun freilich jeder Betrachter selbst das letzte Urteil fällen.

Auf der Hülle der DVD ist dann auch noch ein umfangreicher Rom-Bereich erwähnt. Darin sind deutsche, englische und französische Texte über das Schaffen von Ruttmann sowie zahlreiche Originaldokumente abrufbar, wie etwa die am 27. Juni 1920 angemeldete Patentschrift für «Verfahren und Vorrichtung zum Herstellen kinematographischer Bilder».

Film: 5 Sterne
Bild-/Tonqualität: 4 Sterne
Bonusmaterial:
6 Sterne

(Bilder: ©Edition Filmmuseum)

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