«Lost – Staffel 4» mit Terry O’Quinn (Blu-ray)

Matthew Fox in «Lost – Staffel 4»

Wenn ich von «Lost» berichte, gerate ich unweigerlich ins Schwärmen und die Superlative drohen mir auszugehen. Einfacher Grund: Keine andere Fernsehserie unterhält mich derzeit so spektakulär wie die Fabel von den Vermissten auf der mysteriösen Insel. Das gilt auch für die 4. Staffel, die als erste auch im deutschsprachigen Raum auf Blu-ray-Disc erschienen ist.

«Lost» ist nicht nur der Titel der Serie, es ist auch das Konzept dahinter. Wer sich die Serie ansieht wird sich zwangsläufig verirren. Die philosophischen Anspielungen sind so dicht gestreut, dass es eine wahre Freude ist. Die Orientierung geht dabei schnell verloren, was vermutlich auch die Absicht der Serienmacher ist. Das Publikum soll genauso verwirrt sein wie die Hauptfiguren, die vor lauter falschen Fährten und Täuschungen sich nicht einmal auf sich selbst verlassen können.

Das Durcheinander ist so undurchschaubar, dass eine wiederholte Betrachtung beinahe unabdingbar ist. Darauf weisen die Drehbuchautoren in der 4. Staffel explizit hin. In der Folge «Eggtown» ist Ben gerade in Gefangenschaft von Locke. Der bringt ihm nicht nur das Essen, er versorgt seinen Häftling auch mit intellektueller Nahrung und bringt ihm aus dem Büchergestell den Roman «Valis» von Philip K. Dick. Ben nörgelt, dass er das Buch schon gelesen habe. Locke antwortet sarkastisch: «You might catch something you missed the second time around.» Dieser Spruch trifft auch auf «Lost» zu.

Dominic Monaghan in «Lost – Staffel 4»

«Lost» ist auch eine Projektionsfläche. Wer sich die Serie ansieht, wird nicht vermeiden können, dass er sich der einen oder der anderen Gruppe anschliesst. Entweder machen die Überlegungen von Jack, Locke oder Ben mehr Sinn. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass man wie die Nebenfiguren rasch einmal die Seite wechselt. Dazu tragen auch die immer neuen Enthüllungen bei, die in der 4. Staffel auch eine höchst seltsame familiäre Verbindung von Jack betreffen.

Auch der Humor kommt nicht zu kurz. Auf dem Audiokommentar zu Folge «There’s No Place Like Home, Part 1» weisen die Serienschöpfer Damon Lindelof und Carlton Cuse bei einer witzigen Szene auf die Laurel-und-Hardy-Eigenschaften hin. Während Ben wie wild metallische Gegenstände in einen Raum stellt, sieht sich Locke immer perplexer ein Instruktionsvideo der Dharma Initiative an, in dem davor gewarnt wird, metallische Gegenstände in den Raum zu stellen. Der Höhepunkt der Szene ist aber ein Austausch über das Thema des Videos. Locke: «Was he talking about what I think he was talking about?». Ben staubtrocken: «If you mean time-traveling bunnies, then yes.»

Damit wird auch schon eine Erklärungsmöglichkeit angesprochen. Vielleicht sind die unfreiwilligen Inselbewohner in eine Art Zeitloch abgestürzt. Durch die Ankunft von vier neuen Hauptfiguren bietet die 4. Staffel noch weitere Deutungen. Neben einem Physiker, der Zeitphänomene erforscht, treten auch noch ein Mann, der mit Toten kommunizieren kann, und eine Anthropologin auf. Dann sind da immer noch die von Locke angestrebten mystischen Interpretationen. Doch so sehr Locke an ein Schicksal glaubt, so heftig wird er in seinen Überzeugungen auch immer wieder erschüttert. Wie ihm Ben erklärt: «Destiny, John, is a fickle bitch.»

Ob die Begeisterung für die Serie andauert und sie zur besten Fernsehserie aller Zeiten erklärt werden darf, wird sich natürlich erst erweisen, wenn nächstes Jahr die 6. und letzte Staffel zu Ende geht. Vielleicht sind dann die Erklärungen für die vielen Rätsel so banal, dass man nur noch den Kopf schütteln kann. Zunächst werde ich mir aber in diesem Sommer die 1. und 2. Staffel noch einmal ansehen, da diese im Juni auf Blu-ray-Disc erscheinen. Sehr wahrscheinlich stosse ich dabei auf Dinge, die ich bei der ersten Betrachtung übersehen habe.

Im Gegensatz zur Bildqualität auf den DVDs der ersten drei Staffeln, ist die der Blu-ray-Disc von Staffel 4 nicht ganz lupenrein. Sie ist zwar der Bildqualität der DVDs haushoch überlegen, aber vor allem in den dunklen Szenen macht sich ab und zu ein Rauschen bemerkbar. Wenn es ständig vorhanden wäre, würde es wohl kaum auffallen. Durch die Unbeständigkeit ist es jedoch leicht störend. Die Tonspur ist meist eher dezent. Wie wirkungsvoll sie aber sein kann, stellt sie immer wieder mit kleinsten Geräuschen unter Beweis.

Die Blu-ray-Disc der 4. Staffel ist mit über vier Stunden Bonusmaterial und Audiokommentaren zu vier Episoden ausgestattet. Ein Teil der Extras sind exklusiv auf der Blu-ray-Disc enthalten, nämlich zusätzliche Ausschnitte aus der in Honolulu aufgeführten «Lost»-Sinfonie sowie ein Rätselelement, das es erlaubt, die Vorblenden chronologisch abzuspielen. Dazu muss man zunächst allerdings Szenen davon in die richtige Reihenfolge bringen.

Die Audiokommentare unterscheiden sich in ihrer Art stark. Eher zurückhaltend sind die Schauspieler Yunjin Kim (Sun) und Daniel Dae Kim (Jin) zusammen mit Cutter Stephen Semel. Das pure Gegenteil bieten Jorge Garcia (Hurley) und Evangeline Lilly (Kate), die wunderbar harmonisieren und sich höchst unterhaltsam unterhalten. Kurioses Detail: Dieser Kommentar wird an einer Stelle kurz unterbrochen, weil Lilly aufs WC muss. Technisch erklären Damon Lindelof und Carlton Cuse zusammen mit Cutter Mark Goldman eine Episode, während Lindelof und Cuse bei einer anderen Episode eher auf die philosphischen und logistischen Aspekte eingehen. Allesamt hörenswerte und untertitelte Kommentare.

Auch die übrigen Extras sind sowohl bezüglich Länge als auch Inhalt empfehlenswert. Augenzwinkernd wird in «Right to Bear Arms» von den (nur beinahe) unzähligen Waffen auf der Insel berichtet. In «Island Backlot» wird erklärt, dass alle Szenen – ob sie nun in Oxford, Berlin oder Irak spielen – auf Hawaii entstehen.

Staffel 4: 6 Sterne
Bildqualität (Blu-ray): 5 Sterne
Tonqualität (Blu-ray): 6 Sterne
Bonusmaterial (Blu-ray):
6 Sterne

(Bilder: ©Disney)

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