«The Last House on the Left» von Dennis Iliadis

Sara Paxton in «The Last House on the Left»

Remakes haben einen schlechten Ruf. Manche davon durchaus zu Recht. So auch etwa «The Last House on the Left» (1972) von Wes Craven. Er nahm sich das mit einem Oscar und einem Golden Globe ausgezeichnete Horror-Drama «Jungfrukällan» (1960) von Ingmar Bergman zum Vorbild für sein Regiedebüt. Die Mischung aus Amateurproduktion und Laientheater ist zwar filmhistorisch bedeutend, aber trotzdem ziemlich misslungen. Höchste Zeit also, dass Craven als Produzent eine wirkungsvollere Neufassung von «The Last House on the Left» nachliefert.

Die Handlung ist in den Grundzügen immer noch die gleiche wie 1960. Eine junge Frau wird von ein paar Verbrechern vergewaltigt und ermordet. Wenig später klopfen die Täter an die Tür der Eltern des Mädchens und suchen Obhut. Die wird ihnen auch gewährt – bis die Eltern durch Zufall herausfinden, wen sie da in ihr Haus aufgenommen haben. Nun sinnen sie auf Rache. Somit sollen ähnliche Themen aufgegriffen werden wie im Selbstjustiz-Thriller «The Brave One» – zumindest wenn sie nicht durch Schockeffekte verschüttet werden.

Aaron Paul, Garret Dillahunt, Spencer Treat Clark und Riki Lindhome in «The Last House on the Left»

In der neuen Variante von «The Last House On the Left» wollen Emma (Monica Potter) und John Collingwood (Tony Goldwyn) zusammen mit ihrer Tochter Mari (Sara Paxton) in ihrem Haus an einem entlegenen See ein paar ruhige Tage verbringen. Mari besucht allerdings schon am ersten Abend ihre in der nächsten Ortschaft lebende Freundin Paige (Martha MacIsaac). Dort geraten die beiden in die Hände des Ausbrechers Krug (Garret Dillahunt, «Terminator: The Sarah Connor Chronicles»), dessen Freundin (Riki Lindhome) und seines Bruders (Aaron Paul).

Tony Goldwyn und Monica Potter in «The Last House on the Left»

Das Auto von Mari benutzen sie als Fluchtfahrzeug, die beiden Mädchen werden mitgenommen. Als sich das Fahrzeug in der Nähe des Sees befindet, versucht Mari zu fliehen. Doch sie verursacht vor allem einen Unfall und weckt dadurch nur den Zorn von Krug und seiner Bande. Paige wird erstochen, Mari vergewaltigt. Schwer verletzt kann Mari doch noch entkommen, wird aber angeschossen. Als ein Gewitter einsetzt, suchen die Verbrecher Zuflucht im einzigen Haus in der Gegend. Als Maris Eltern klar wird, wen sie da in ihr Heim gelassen haben, drehen sie den Spiess um und machen die Täter zu Opfern.

Unangenehm, schockierend und spannend ist die von Wes Craven zusammen mit Sean S. Cunningham produzierte Neuauflage. Attribute, die auf die Version von 1972 nur eingeschränkt angewendet werden können. Craven war damals Regisseur und Drehbuchautor, Cunningham ebenfalls Produzent. Wie Craven auf dem Audiokommentar zu ihrer Version erklärt, wollte er nicht einen Unterhaltungsfilm drehen, sondern durch die Konfrontation mit ungeschminkter Brutalität das Publikum seine Einstellung zu Gewalt in Filmen hinterfragen lassen.

Der Film soll also nicht nur einfach Furcht und dem Genre entsprechend Entsetzen (lat. horrere bedeutet so viel wie beben, zittern, sich entsetzen) auslösen. Gedanken wollen vom Filmemacher angeregt werden, womöglich sogar das Weltbild ein wenig verschoben werden. Ernsthaft? Dieser Aussage widerspricht schon einmal die im Trailer verkündete, sicher nicht ganz Ernst gemeinte, aber dennoch zu berücksichtende Warnung:

Warnung zu «The Last House on the Left» von Wes Craven

Ist «The Last House on the Left» doch nur ein Film? Oder steckt eben trotzdem eine von Craven beabsichtigte Botschaft dahinter? Und wie würde die lauten? Der sich als Zyniker bezeichnende Craven erwähnt im Audiokommentar die Überflutung durch brutale Bilder im Fernsehen. Anfang der 70er-Jahre waren da viele Berichte über Vietnam, Demonstrationen und Verbrechen zu sehen. Besonders im Vergleich zu Kriegen sei die Gewalt in seinen Film vernachlässigbar, meint Craven. Hört sich so eine Person an, die tatsächlich eine Debatte über Gewalt in Filmen beabsichtigt? Müsste er dazu nicht andere Mittel einsetzen? Und würde eine erfolgreiche Auseinandersetzung nicht dazu führen, dass jegliche Gewalt, auch solche in Horror-Filmen, abgelehnt wird?!?

In der Einführung erklärt Craven zudem ironisch: «Remove any small children or innocent animals from the room, and take some sort of tranquillizer yourself, if you’re at all unstable in your psychological makeup.» Die vermeintliche Wirkung des Films wird durch solche Äusserungen, die regelrecht die Erwartung auf brutalste Bilder fördern, in mythische Dimensionen katapultiert. Aussage: Wer durch die Bilder nicht beinahe in die lähmende Ohnmacht getrieben wird, ist irgendwie geschädigt oder versteht vielleicht einfach den Film nicht. Irgendwie eine kontraproduktive Haltung.

Lucy Grantham und Fred J. Lincoln in «The Last House on the Left»

Aber genug über die Beweggründe der Filmemacher gerätselt und zurück zur eigentlichen Wirkung der Filme. Ein Horror-Thriller soll schliesslich schockieren. Sonst hat er seinen Zweck verfehlt. Die von Dennis Iliadis inszenierte Version erreicht dieses Ziel. Während Craven 1972 die Szenen immer wieder durch Toneffekte verfremdete und dadurch zumindest bei mir die Spannung verdampfen liess, setzt Dennis Iliadis auf eine bedrohlich realistische Stimmung. In einigen Szenen erreicht auch die Version von Craven diesen Effekt, etwa wenn die Freundin von Mari in den Rücken gestochen wird (Bild oben).

Auch die Vergewaltigung von Mari (Bild unten) ist durch die Darbietung der Darsteller unerträglich. In den meisten übrigen Szenen können die von Craven verwendeten Schauspieler allerdings nicht verbergen, dass sie nicht über sonderlich viel Erfahrung verfügten. Steif stehen sie vor der häufig nachlässig positionierten Kamera. Craven behauptet, sich für die Optik an Dokumentarfilmen orientiert zu haben. Doch selbst bei Dokumentarfilmen wird der Bildausschnitt sorgfältiger gewählt.

David A. Hess und Sandra Peabody in «The Last House on the Left»

Durch die Schludrigkeit der Inszenierung, die sich nur zu einem Teil durch das tiefe Budget erklären lässt, wirkt «The Last House on the Left» von Craven zwar einzigartig (sofern man keine B-Movies kennt), aber auch einfach nicht durchgehend erschreckend. Besonders die klamaukigen Szenen mit den inkompetenten Polizisten sind völlig fehl am Platz und zerstören die Wirkung komplett. Dieses Element ist konsequenterweise aus dem Film von Dennis Iliadis herausgefallen, im dem auch sonst einige logische Fehler eliminiert wurden.

Durch eine eigene Ästhetik fällt die Version von Iliadis nicht wirklich auf. Er bedient sich vielmehr des vorhandenen Arsenals und setzt es sorgfältig ein. Damit hebt er sich auch angenehm von Marcus Nispel ab, der sein Remake von «Friday the 13th» durch schnelle Schnitte und schrille Effekte unerträglich machte. «The Last House on the Left» von Illiadis soll jedoch durch den Inhalt und nicht durch die Form Entsetzen auslösen. Womit wir wieder beim Unterhaltungswert von Horror-Filmen sind. In diesem Bereich muss noch erwähnt werden, dass die Tötungsszenen wunderbar schauerlich sind.

Axel Düberg, Tor Isedal und Birgitta Pettersson in «Jungfrukällan»

Auch Ingmar Bergman setzte mehr auf Substanz als auf Stil. Da allerdings für «Jungfrukällan» kein Geringerer als Sven Nykvist hinter der Kamera stand, enthält das Horror-Drama dennoch zahlreiche unvergessliche Bilder, die vereinzelt auch Craven als Vorlage gedient haben (siehe die Vergewaltigungsszene unten). Bergmans Film basiert auf die mittelalterliche Ballade «Töres dotter i Vänge». Darin wird von drei Schwestern erzählt, die auf dem Weg zur Kirche von Hirten enthauptet werden. In der Fassung von Bergman wird ein Mädchen vergewaltigt und erschlagen.

Tor Isedal und Birgitta Pettersson in «Jungfrukällan»

Bergman thematisiert nicht direkt die Bilder der Gewalt, obschon schon damals ziemlich schonungslos inszeniert wurde. In «Jungfrukällan» geht es in erster Linie um den Gegensatz zwischen Heidentum und christlicher Religion. Die junge Karin (Birgitta Pettersson) wird auf dem Weg zur Kirche zunächst von Ingeri (Gunnel Lindblom) begleitet. Das schwangere Hausmädchen hatte am Morgen zu Odin gebetet, dass Karin für ihre Überheblichkeit bestraft wird. Als Ingeri aus sicherer Entfernung zusieht, wie Karin von den Hirten geschändet wird, greift sie nicht ein und fühlt sich danach mehrfach mitschuldig.

Max von Sydow und Tor Isedal in «Jungfrukällan»

Der Zorn des vaters (Max von Sydow, «Le scaphandre et le papillon») richtet sich aber natürlich gegen die Hirten. Die haben in ihrer Unverschämtheit der Mutter (Birgitta Valberg) das Kleid der Tochter zum Kauf angeboten. Am nächsten Morgen weckt der Vater die Verbrecher unsanft aus dem Schlaf. Nicht durch Schüsse oder Kettensägen müssen sie sterben, sondern durch ein Schlachtmesser und die blossen Hände des Vaters. Wie «The Last House on the Left» ist «Jungfrukällan» äusserst verstörend, regt jedoch leicht anders gelagerte Diskussionen an.

Fazit: «The Last House On the Left» von Dennis Iliadis ist ein stilsicher inszenierter Horror-Thriller, der an das Schock-Potenzial von «Jungfrukällan» herankommt.

Bewertung «The Last House On the Left» (2009): 5 Sterne
Bewertung «The Last House On the Left» (1972): 2 Sterne
Bewertung «Jungfrukällan»:
5 Sterne

(Fotos: ©Universal/MGM/Arthaus)

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