«Tag am Meer» von Moritz Gerber

Doris Schefer und Dominque Jann in «Tag am Meer»

Immer wieder 30. Vor knapp zehn Jahre liess Stefan Jäger in seinem Drama «birthday» eine Gruppe junger Menschen auf die gefürchtete Altersgrenze zusteuern. Nun setzt sich auch Moritz Gerber in seinem Spielfilmdebüt «Tag am Meer» mit diesem Übergang zu einem neuen Lebensabschnitt auseinander. Weitaus weniger fatalistisch, aber ebenfalls leicht melancholisch.

Dave (Dominique Jann) lebt ein sorgloses Leben. Er führt mit seinem Kollegen Matthias (Manuel Löwensberg) ein Plattengeschäft, legt ab und zu an Partys auf und ist gerade daran, seine zerbrochene Beziehung mit Sarah (Doris Schefer) zu erneuern. Doch am Horizont taucht ein Geburtstag auf, vor dem sich Dave unheimlich fürchtet: bald wird er 30 Jahre alt. Langsam wird es also Zeit, Verantwortung zu übernehmen, den jugendlichen Übermut endgültig hinter sich zu lassen.

Eine gemeinsame Wohnung mit Sarah wäre der erste definitive Schritt ins Erwachsenenleben. Doch dazu fühlt sich Dave noch nicht bereit. Da nützt auch der Ratschlag von Matthias herzlich wenig: «Für gewisse Dinge ist man nie bereit, die muss man einfach manchen.» Da trifft Dave auf die junge Alice (Patricia Mollet-Mercier), die aus Paris angereist ist, um ihren Vater in Zürich zu besuchen. Dave sieht eine letzte Möglichkeit, die unausweichliche Zukunft noch ein wenig hinauszuschieben.

Patricka Mollet-Mercier, Doris Schefer, Dominque Jann und Manuel Löwensberg in «Tag am Meer»

Haben sich die Figuren in «birthday» durch kollektiven Selbstmord das Leben nach 30 ersparen wollen, stellt sich Dave auch nicht viel überzeugender dieser Herausforderung. Regisseur und Drehbuchautor Moritz Gerber, der 2004 die Ausbildung an der Zürcher Hochschule der Künste mit dem Kurzfilm «Tiger erdolchen» abgeschlossen hat, befand sich während den Dreharbeiten zu «Tag am Meer» im gleichen Alter wie seine Hauptfiguren.

Der Film ist dann auch eine Reflektion über die sich in den letzten Jahrzehnten verschiebende Grenze zum Erwachsenenleben, über die sich Gerber seine Gedanken gemacht hat: «Vielleicht werden die Menschen noch nie so spät erwachsen wie in unserer heutigen westlichen Gesellschaft. Während unsere Eltern oft bis Mitte zwanzig schon Familien gründeten und einen Berufsweg einschlugen, gilt es heutzutage, den Lebensstil der süssen Unverbindlichkeit möglichst lange auszukosten.» Dave, Matthias und Sarah stehen dabei für unterschiedliche Annäherungen an diese Schwelle. Die Suche nach dem inneren Gleichgewicht stellt sich in keinem Fall als besonders einfach heraus.

Stimmungsvoll fängt Gerber das Lebensgefühl einer Generation ein, die sich nicht so recht zwischen Freiheit und Verantwortung entscheiden kann. Obschon es immer wieder zu gespannten Konfrontationen zwischen den Figuren kommt, ist seine Auseinandersetzung mit dem Thema aber keineswegs erdrückend. Gerber lockert die Stimmung immer wieder mit Humor und den reizvoll zerbrechlichen Bildern seines mit Videoaufnahmen erfahrenen Kameramannes Piotr Jaxa («Nachbeben», «Hello Goodbye») auf.

Nicht zuletzt dadurch ist «Tag am Meer» auch ein liebevolles Porträt von Zürich, das ganz ohne Sehenswürdigkeiten auskommt. Einzig das Kanzlei-Areal lässt sich wirklich verorten. Ansonsten hat Gerber unauffällige Orte aufgespürt, die seinem Film einen lockeren Hauch von Grossstadt verleihen. Jetzt darf noch geraten werden, wo sich die «L’isle de devenir» befindet.

Fazit: Moritz Gerber ist mit «Tag am Meer» ist ein lebendiges und einfühlsames Spielfilmdebüt gelungen.

Bewertung: 5 Sterne

(Fotos: ©Look Now!)

Ein Kommentar to “«Tag am Meer» von Moritz Gerber”

  1. [...] ich mich mit dem Herrn Sartorius gen Westen aufmache, möchte ich Ihnen noch diesen Trailer von «Tag am Meer», dem ersten Spielfilm des Berner Filmemachers Moritz Gerber, [...]

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