«Audition», «Visitor Q» und «Izo» von Takashi Miike

«Audition» von Takashi Miike

Was befindet sich bloss in diesem Sack neben dem Telefon? Die Auflösung ist nervenzerreibend und sorgte Ende 2001 in der Schweiz oder zumindest in Zürich für viel Aufregung.

Das Bild stammt aus dem Film «Audition» von Takashi Miike, der zu den produktivsten wie auch kontroversesten Filmemachern zählt. Der Japaner dreht jedes Jahr ungefähr vier Filme in allen möglichen Genres. Erste Bekanntschaft mit einem seiner Werke habe ich eben 2001 gemacht, als «Audition» in den Schweizer Kinos gezeigt wurde. Das Erlebnis war beeindruckend. In meine Erinnerung hat sich aber vor allem die Meldung eingebrannt, das während einer Vorstellung im Zürcher Kino Riffraff ein Besucher zusammengebrochen sei.

Gerüchte darüber finden sich natürlich auch im Internet. Der Vorfall wird auf die Wirkung des Films zurückgeführt. Da ich hier aber nicht eine Legende weiter erzählen möchte, habe ich mich bei Frank Braun, dem Geschäftsführer und Programmleiter der Neugass Kino AG, die das Kino Riffraff betreibt, nach dem Ereignis erkundigt. Er sei zwar nicht selber dabei gewesen, habe aber vom Personal und von Erzählungen aus dem Publikum erfahren, dass ein offenbar bereits beim Einlass auffälliger Besucher während der Vorstellung aufstand und zusammenbrach.

Der Besucher wurde in die Bar hinausbegleitet, das Personal wollte einen Krankenwagen rufen. Davon wollte der Besucher aber nichts wissen. Nachdem er sich erholt hatte, sei er ziemlich schnell verschwunden. Braun vermutet, dass die heftige Reaktion keineswegs nur vom Film ausgelöst worden war. Einige Wochen später habe sich jemand von «Radio 24» erkundigt, ob es beim Besuch von «Audition» Ohnmächtige gebe.

Braun habe den Sachverhalt klar gestellt, aber die Meldung sei vom Journalisten auf die eigenen Bedürfnisse zugespitzt und verbreitet worden. Innert kürzester Zeit sei die attraktive Sensationsmeldung von allen Medien übernommen worden. Am darauf folgenden Wochenende sei das Kino von Ohnmachtswilligen regelrecht überrannt worden. Das Interesse habe aber schnell wieder nachgelassen.

«Audition» von Takashi Miike

Bis ich selber wieder einen Film von Miike angeschaut habe, sind einige Jahre vergangen. «Krieg der Dämonen» («Yôkai daisensô») sorgte bei mir für eine abweisende Reaktion. Nach wenigen Minuten habe ich die Betrachtung wieder abgebrochen. Ich habe nicht das Bewusstsein verloren, sondern war einfach extrem gelangweilt. Erst beim zweiten Versuch ist es mir geglückt, mich durch den gesamten Film zu quälen.

Hauptfigur ist der schüchterne, etwa 12 Jahre alte Junge Tadashi, der bei einem Ritual zum Beschützer der Menschheit auserkoren wird. Da bricht ausgerechnet ein Krieg zwischen Dämonen aus, und Tadashi muss tatsächlich die Welt (oder zumindest Tokio) vor der Zerstörung retten. Hilfe erhält er dabei von seltsamen Gestalten, die vom bösen Damönenherrscher unterdrückt werden, wie etwa dem niedlichen Pelztier Beinreiber.

«Krieg der Dämonen» ist ein opulent inszenierter Fantasy-Film, der ganz auf ein jugendliches Publikum ausgerichtet ist und – auch hinsichtlich der minderwertigen Qualität der Spezialeffekte – ein wenig an «Die unendliche Geschichte» erinnert. Da ist es beinahe schon ironisch, dass der Film in Deutschland erst ab 16 Jahren freigegeben ist. Die bösen und auch einige der guten Dämonen sind zwar durchaus furchterregend und die Gewalt ist sicher expliziter als in westlichen Fantasy-Filmen, aber an die Brutalität der Grimm-Märchen kommt «Krieg der Dämonen» niemals heran.

Danach war ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich noch weitere Filme von Miike sehen wollte. «Audition» habe ich mir aber unbedingt noch einmal ansehen wollen, und so habe ich mir die «Takashi Miike Collector’s Box» besorgt, in der auch noch «Visitor Q» und «Izo» enthalten sind. Die neuerliche Betrachtung von «Audition» hat das Urteil bestätigt, dass es sich um ein Meisterwerk handelt. Formal ist das Werk zwar bescheiden, inhaltlich aber umwerfend.

Seit dem Tod seiner Frau kümmert sich der Geschäftsmann Aoyama allein um die Erziehung seines Sohnes. Auf dessen Drängen entschliesst er sich eines Tages, nach einer neuen Frau Ausschau zu halten. Sein engster Freund, ein TV-Produzent, organisiert daraufhin ein Vorsprechen für ein fiktives Filmprojekt, bei dem Aoyama aus einer Vielzahl von potenziellen Freundinnen asuwählen kann. Er entscheidet sich schon früh für die ebenso schöne wie rätselhafte Asami.

Die erste Hälfte des Films besteht aus der Einführung von Aoyama und diesem Auswahlverfahren. Zärtlich wird die Hauptfigur vorgestellt, ironisch werden die Vorsprechen geschildert. Als es dann aber zu den ersten Treffen von Aoyama und Asami kommt, tauchen langsam unheimliche Elemente auf, wie etwa der Sack von Bild 1. Nach einer Liebesnacht ist Asami verschwunden, und sie bricht den Kontakt zu Aoyama ab. Dieser macht sich auf die Suche nach ihr und stösst dabei auf widerwärtige Morde und Verbrechen.

«Audition» von Takashi Miike

Die letzte halbe Stunde setzt dann das Sehvermögen der Betrachter auf eine harte Probe. Was sich genau abspielt, soll hier nicht verraten werden, doch schwache Nerven werden tatsächlich ihre Mühe damit haben. Dabei zeigt sich bei genauem Hinsehen, dass die Gewaltszenen auf der Leinwand gar nicht so deutlich dargestellt werden, wie sie vermutlich im Kopf der Betrachter stattfinden. Gegenüber den Blutorgien in Filmen wie «Hostel» oder «Severance» ist «Audition» geradezu zahm.

Miike spielt in «Audition» gekonnt mit den Erwartungen des Publikums und treibt die Spannung allmählich zu ihrem beinahe unerträglichen Höhepunkt. Aber eben nur beinahe. Die Handlung von «Audition» seziert zugleich genüsslich stereotypisches Rollenverhalten und kommentiert dadurch auch den (männlichen) Voyeurismus. Die letzte halbe Stunde pendelt zudem meisterhaft zwischen Traumwelt, Fiktion und Realität.

Nachdem ich mir dann auch noch «Visitor Q» und «Izo» angeschaut habe, bin ich mir nicht sicher, ob «Audition» einfach ein Glückstreffer von Miike war oder ob er vielleicht doch noch einige Entdeckungen zu bieten hat. «Visitor Q» ist ein derbes, auf Video gedrehtes Kabinett der Perversionen, in dem eine wirklich kranke Familie im Zentrum steht. Die Tochter schläft mit ihrem Vater, der Sohn wird von Mitschülern gefoltert und lässt dafür seine Aggressionen an der Mutter aus, die ihr Elend in Drogen versenkt.

Eines Tages taucht in der Wohnung ein Besucher auf, dessen Anwesenheit für noch seltsameres Verhalten, aber auch zu einem friedlicheren Familienleben führt. Miike reiht in diesem Film eine unvorstellbare Szene an die nächste. Sadomasosex? Vorhanden. Sex mit einer Leiche? Kommt auch vor – mit sehr absurden Folgen. Ein Mann, der sich daran aufgeilt, dass die Mutter Milch aus ihren Brüsten spritzt? Fehlt auch nicht. «Visitor Q» ist eklig und denoch in einer gewissen Weise auch einfühlsam. Wer in seinem Leben wirklich alles gesehen haben möchte, erhält durch «Visitor Q» schon einmal ein solides Fundament.

«Izo» ist filmisch und auch inhaltlich wieder ein wenig anspruchsvoller. Allerdings lässt sich schon über diese Einschätzung streiten. In diesem blutigen Fantasy-Thriller wandelt ein 1865 hingerichteter Samurai als zorniger und rachsüchtiger Geist durch die Welt. Er mordet sich durch die Jahrhunderte und dient so als Symbol für die sich im Kreis drehende Gewaltsucht der Menschheit. Miike veranschaulicht diesen Zusammenhang mit Aufnahmen von Hitler, Lenin, Pearl Harbor und Atombomben.

Ob «Izo» alleine durch diese Kombination von historischer mit filmischer Gewalt zu einem philosophischen Splatter-Film wird, darf bestritten werden. Als westlicher Betrachter muss ich jedoch zugeben, dass ich vermutlich nicht einmal einen Bruchteil der kulturellen Anspielungen verstanden habe. Das Werk reiht sich auf jeden Fall nahtlos in das bizarre Filmschaffen von Miike ein, das sich aber weder formal noch inhaltlich wirklich unter einen Hut bringen lässt. Für ungewöhnliche Seherfahrungen ist aber zumindest in diesen vier Werken gesorgt.

Film «Krieg der Dämonen»: 2 Sterne
Bild-/Tonqualität «Krieg der Dämonen»: 3 Sterne
Bonusmaterial «Krieg der Dämonen»: 1 Stern

Film «Audition»: 6 Sterne
Bild-/Tonqualität «Audition»: 5 Sterne
Bonusmaterial «Audition»: 3 Sterne

Film «Visitor Q»: 2 Sterne
Bild-/Tonqualität «Visitor Q»: 4 Sterne
Bonusmaterial «Visitor Q»: 1 Stern

Film «Izo»: 3 Sterne
Bild-/Tonqualität «Izo»: 4 Sterne
Bonusmaterial «Izo»: 2 Sterne

(Bilder aus «Audition»: ©Rapid Eye Movies HE GmbH)

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