«Cet obscur objet du désir» von Luis Buñuel

Carole Bouquet und Fernando Rey in «Cet obscur objet du désir»

Mais je croix que j’étais trés correct.

Wer an Luis Buñuel denkt, hat wohl sofort unweigerlich ein Bild im Kopf: das Auge von einer Frau, das mit einem Rasiermesser zerschnitten. In diesem Moment kann wohl kaum jemand ohne Zusammenzuzucken auf die Leinwand blicken. Aber Buñuel hat später auch weitaus reizvollere Filmwelten entstehen lassen.

Seit ich die Frühwerke «Un chien andalou» und «L’âge d’or» zu Beginn meines Studiums vor bald 15 Jahren gesehen habe, ist nun schon eine halbe Ewigkeit vergangen. Höchste Zeit, dass ich mich mit dem restlichen Werk des spanischen Meisterregisseurs auseinandersetze. Den Einstieg bildete «Cet obscur objet du désir» (1977), sein letztes Werk. Terror, Sex und Religion sind darin die wiederkehrenden Themen.

Der schon etwas ältere, distinguierte Mathieu (Fernando Rey) erzählt auf einer Zugreise von Sevilla nach Paris von einer unglücklichen Liebschaft. Er verliebte sich in das junge Zimmermädchen Conchita (Carole Bouquet, Angela Molina). Obschon Mathieu alles unternimmt, um Conchita für sich zu gewinnen, widersetzt sie sich seinen Annäherungsversuchen. Ihre Vorstellungen von einer Beziehung stehen sich nämlich diametral gegenüber. Sie will sich ihm hingeben, er will sie besitzen. Sie will ihn lieben, er will sie verzehren.

Angela Molina und Fernando Rey in «Cet obscur objet du désir»

Um die widersprüchlichen Gefühlsregungen seiner Figuren noch ein wenig komplexer darzustellen, fiel Buñuel vor den Dreharbeiten ein Geniestreich ein: das Mädchen wird von zwei Frauen gespielt wird, einerseits von der fröhlichen, feurigen Angela Molina, andererseits von der kühlen, zurückhaltenden Carole Bouquet. Meisterhaft ist auch die Inszenierung voller Symbole. So sollte man in der Szene aus dem Einstiegsbild weniger auf den Körper von Bouquet als vielmehr auf die ausgeklügelte und ganz bestimmt nicht zufällige Positionierung der Figuren mit Spiegel und Kreuz betrachten.

Über diese besondere Konstellation der Figuren lassen sich selbstverständlich ganz verwegene Theorien aufstellen. Doch Buñuel war nie ein grosser Freund von analytischen Interpretationen. Das geht auch aus einem im Beiheft der Doppel-DVD enthaltenen Artikel hervor: «Psychiater und Analytiker aller Richtungen haben viel über meine Filme geschrieben. Ich danke ihnen, aber ich lese ihre Werke nicht. Es interessiert mich nicht.» Die Wirkung von manchen Szenen konnte er selbst nicht ergründen: «Die letzte Szene vor der Schlussexplosion […] berührt mich, ohne dass ich sagen könnte, warum: Sie bewahrt ihr Geheimnis.»

Unterhaltung im Zug in «Cet obscur objet du désir»

So kann auch der Film ohne viel Anstrengung als leicht frivoles, immer wieder verstörendes, beunruhigendes Werk über die Unergründbarkeit der Liebe und Leidenschaft genossen werden. Das leicht surreale Werk ist auch gespickt mit dezentem, hintersinnigen Humor. Als sich Mathieu bei einem Kellner über die Fliege in seinem Apéritif beschwert, erzählt dieser, dass er sie schon den ganzen Tag gejagt habe. Der trockene Kommentar: «une mouche de moins».

Später wird wieder einmal gezeigt, wie Mathieu den Zuggefährten in Anwesenheit von Kindern die nicht ganz jugendfreie Geschichte erzählt. Die Mutter möchte die Tochter mit ein paar anderen Kindern wegschicken. Das Mädchen möchte aber unbedingt zuhören: «Mais maman, je veux ecouter.» Nein, sie sollen spielen gehen. Darauf verteidigt sich Mathieu leicht verwirrt, er habe sich doch sehr korrekt verhalten. Ob sich das nun auf die Erzählung oder auf die Beziehung mit Conchita zu verstehen ist, lässt Buñuel verschmitzt in der Schwebe.

Conchita Montenegro in «La femme et le pantin»

Der Film basiert auf den Roman «La femme et le pantin» von Pierre Louÿs, der bereits 1928 durch Jacques de Baroncelli unter diesem Titel verfilmt wurde. Die vorzügliche Stummfilmfassung ist in erstaunlich hochwertiger Bildqualität auf der Doppel-DVD enthalten. An der früheren Bearbeitung der Geschichte lässt sich erkennen, wie treu sich Buñuel an die Vorlage gehalten hat. Der Handlungsablauf ist identisch, und die Dialoge stimmen zu einem grossen Teil überein. Auch die Religion hat einen ähnlichen Stellenwert. Einzig die Szenen des Terrorismus sind eine Ergänzung von Buñuel.

Bemerkenswert an «La femme et le pantin» von Jacques de Baroncelli ist aber nicht nur die saubere Bildqualität, sondern auch das zügige Erzähltempo und die unbekümmerte Bildsprache. Hauptdarstellerin Conchita Montenegro muss sich bezüglich Temperament und Ausdruck her locker mit Angela Molina messen. De Baroncellis Film ist zudem so freizügig, dass er sich in diesem Zusammenhang nicht vor dem fünf Jahre später entstandene Drama «Ekstase» verstecken muss. Als zusätzliche Illustrationen sind zwei weitere Filmbilder unten angefügt.

Die Doppel-DVD ist ausserdem mit zwei Dokumentationen ausgestattet. Empfehlenswert ist vor allem «Une œuvre à repriser» von Luc Lagier, von dem auch schon ein Beitrag auf der DVD von «Paranoid Park» enthalten ist. Er enthielt sich mit Jean-Claude Carrière, der  seit «Le journal d’une femme de chambre» (1964) mit Buñuel an den Drehbüchern arbeitete und zahlreiche Anekdoten über die Entstehung von «Cet obscur objet du désir» erzählen kann.

Bewertung: 5 Sterne
Bild-/Tonqualität: 5 Sterne
Bonusmaterial:
5 Sterne

(Bilder: ©Arthaus/Kinowelt/Studio Canal)

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Conchita stellt in «La femme et le pantin» ihre Reize zur Schau:

Conchita in «La femme et le pantin»

Conchita wirft sich in «La femme et le pantin» in die Arme eines jungen Mannes, um Mathieu eifersüchtig zu machen:

Conchita Montenegro in «La femme et le pantin»

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