«The Limits of Control» von Jim Jarmusch

Isaach De Bankolé in «The Limits of Control»

La vida no vale nada.

Die gleiche Geschichte lässt sich auf unterschiedlichste Weise erzählen. «The Hunter» von Richard Stark, ein Roman über einen Verbrecher, der sich für einen Betrug rächen möchte, wurde 1967 von John Borman zum packenden Thriller «Point Blank» verdichtet. Mel Gibson machte daraus 1999 den oberflächlichen Action-Film «Payback». Jim Jarmusch wiederum hat in seiner sehr freien Umsetzung jegliche Action und Spannung entfernt. Der für seine eigenwilligen Filme bekannte Regisseur gestaltete eine Zündholzschachtelstafette mit riesigem Gähnfaktor.

Ein geheimnisvoller Unbekannter (Isaach De Bankolé, «Le scaphandre et le papillon») erhält an einem Flughafen einen Auftrag. Was er genau erledigen soll, wird nicht verraten. Er erhält lediglich eine Zündholzschachtel, mit der er an einem bestimmten Ort auf eine andere Person warten soll, die ihm dann die nächste Destination verrät. So trifft der Mann im Verlauf des Films auf die Violine (Luis Tosar), die Nackte (Paz de la Huerta), die Blonde (Tilda Swinton), Moleküle (Youki Kudoh), die Gitarre (John Hurt), den Mexikaner (Gael García Bernal), die Fahrerin (Hiam Abbass) und schliesslich den Amerikaner (Bill Murray).

Isaach De Bankolé und Tilda Swinton in «The Limits of Control»

Der mysteriöse Unbekannte sitzt also mit seinen zwei Espressos auf hübschen spanischen Plätzen und unterhält sich mit noch mysteriöseren Unbekannten über Filme, Bohemians und das Leben. Seine strikten Regeln während der Arbeit: keine Mobiltelefone, keine Schusswaffen und kein Sex. Wie philosophisch. Wie tiefschürfend. Wie langweilig. Ich möchte jetzt nicht falsch verstanden werden. Ich habe keine Einwände gegen kontemplative Filme, wie etwa «The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford» oder «There Will Be Blood». Aber eine gewisse Spannung muss wenigstens vorhanden sein.

«The Limits of Control» lässt sich jedoch nicht einmal als Stil- oder Erzählübung wirklich geniessen. Für die Kamera hat Jarmusch zwar Christopher Doyle («Paranoid Park») verpflichtet, der früher die Filme von Wong Kar Wai ablichtete. Aber die Aufnahmen in «The Limits of Control» wirken häufig beliebig, meist geradezu banal. Als ob sich Jarmusch und Doyle zu stark auf die visuelle Wirkung der spanischen Drehorte verliessen. Die magische Ausstrahlung dringt allerdings nicht auf den Film durch.

Angie Dickinson und Lee Marvin in «Point Blank»

Was für ein Unterschied zu dem Film, den Jarmusch als indirektes Vorbild angibt, den bis ins letzte Detail durchkomponierte und wunderbar temporierte Thriller «Point Blank» von John Boorman. Darin wird klar ausformuliert, was die Hauptfigur möchte. Walker (Lee Marvin) wurde bei einem Überfall vom Partner Mal (John Vernon) um seinen Anteil von 93’000 Dollar betrogen. Die möchte er nun zurückhaben, muss sich dafür aber gegen eine mächtige Organisation durchsetzen, der sich Mal angeschlossen hat.

Das sich die von Walker verlangte Summe in keinem oder besser gesagt in einem lächerlichen Verhältnis zum Aufwand steht, den die Organisation zu ihrem eigenen Schutz betreibt, wird offen ausgesprochen, als sich ein Boss für die Bezahlung des Geldes entscheidet.

Carter: «Killing Walker is no longer an economic proposition.»
Stegman: «What about the principle?»
Carter: «Profit is the only principle.»

Angie Dickinson und Lee Marvin in «Point Blank»

«Point Blank» ist keineswegs ein gradliniger, vorhersehbarer Thriller, sondern hebt sich durch seine sperrige Gebrochenheit und die Distanziertheit der Figuren deutlich von der Massenware aus Hollywood ab. Der Film entstand genau zu der Zeit, als das alte Studio-System am Auseinanderbrechen war und die verwirrten Produzenten sich auf gewagte Erzählstrukturen und fragmentierte Inszenierungen einliessen. Mutige Formenspiele wie in «Point Blank» lässt Jarmusch kaum in «The Limits of Control» einfliessen. So bleibt die Nackte der einzige wirkliche Reiz.

Ein weiterer bedeutender Unterschied: «Point Blank» dauert gerade einmal kompakte 90 Minuten, «The Limits of Control» schleppt sich über beinahe 120 ereignislose Minuten dahin. Einige Lichtblicke bieten sicher die Gespräche, etwa wenn sich die Figuren über «The Lady from Shanghai» von Orson Welles, «Suspicion» von Alfred Hitchcock oder «La vie de bohème» von Aki Kaurismäki unterhalten. Weitere Andeutungen auf Welles sind die Windräder («Don Quijote») und die Birkenwälder («Campanadas a medianoche»). Doch irgendwie sind diese selbstverliebten Referenzen auch ziemlich verwegen.

Fazit: In «The Limits of Control» stellt Jarmusch die Vorstellungskraft des Publikums auf eine ermüdende Probe.

«The Limits of Control»: 2 Sterne
«Point Blank»:
6 Sterne

(Fotos: ©Filmcoopi/Warner)

Noch eine Bemerkung zu den DVDs von «Point Blank»: Im Gegensatz zur Code-2-DVD enthält die Code-1-DVD einen Audiokommentar mit Regisseur John Boorman und Steven Soderbergh sowie zwei Original-Drehberichte.

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5 Kommentare to “«The Limits of Control» von Jim Jarmusch”

  1. beetFreeQ says:

    Hmm, da muss ich mir ja dringend mal selbst ein Bild machen. Aber ich befürchte nach deinen Angaben, dass Jarmusch von wirklich tollen Filmen zu Langeweile übergewechselt ist. Schon “Broken Flowers” war mir irgendwie zu leer – ein Film, der von seinen Charakteren lebt, diese sich aber nicht weiterentwickeln, ist irgendwie nichts halbes und nichts ganzes…

  2. David says:

    Stimmt, ein bisschen Action hätte dem Film gut getan :-)

  3. beetFreeQ says:

    @David: Action und Jarmusch sind aber zwei sich fast völlig ausschließende Begriffe ;)

  4. David says:

    Also bei Dead Man war doch voll die Action. So mit Geschieße und so :-)

  5. Sir Michael says:

    Ist das die Eventgesellschaft, die in fast jedem Film Action sucht?Geradezu in einem Jim Jarmusch Film, oh je! auf einer Filmseite(Betonung FILMseite) Jim Jarmusch mehr Action zu unterstellen ist ja nun wirklich absolut nicht diskussionswürdig.Die Bilder in diesem Jarmusch Film haben eine eigene Aura,für mich hat gerade diese Bildsprache einen spannenden Reiz. Film ist nicht unbedingt Handlung und gute Story-die sind definitiv maßgeblich-Film ist auch Bildsprache, das wird gerne mal vergessen bei Langweiligen Filmen.Möglicherweise muß in diesem Fall beachtet werden, wo genau der Film gesehen wurde. Es macht einen erheblichen Unterschied “The limits of Control” im Kino zu sehen als “nur” auf Dvd bzw.Blue ray. Ich denke da geht schon viel verloren von der Grundstimmung-die ja genau in diesem Film durch die Bildsprache lebt. Nur das Andeuten eines Charakters und der geheimnisvolle Auftrag beleben den Film mit Spannung-und somit quasi auch mit Action. Denn wenn Kino im Kopf stattfindet, wird für genügend “action” gesorgt, das sollte auf einer Filmseite durchaus klar sein. Und somit kann von Leere keine Rede sein.
    Und nebenbei bemerkt, was nützen Specials ohne Ende auf einer Dvd wenn Filme für sich selbst sprechen

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