«La mariée était en noir» von François Truffaut

Jeanne Moreau in «La mariée était en noir»

Bei einer Hochzeit wird der Bräutigam erschossen. In der Folge begibt sich die Braut auf einen unerbittlichen Rachefeldzug, um die fünf am Mord beteiligten Personen zu töten. Nein, obschon diese Kurzzusammenfassung auch auf «Kill Bill» von Quentin Tarantino zutrifft, handelt dieser Eintrag von einem anderen Film. Bereits 1968 hat François Truffaut in «La mariée était en noir» die Geschichte von einer mordenden Witwe erzählt, basierend auf den Roman «The Bride Wore Black» von William Irish.

Vor allem formal sind etliche Unterschiede zwischen den Filmen von Tarantino und Truffaut festzustellen. Während Tarantino auf grelle, auffallende Farben setzt, versucht Truffaut die Farbtöne eher dezent einzusetzen. Die von Jeanne Moreau gespielte Braut Julie kleidet sich ausschliesslich in weisse, schwarze oder schwarzweisse Kostüme. Auf delikate Zurückhaltung der Form setzt Truffaut auch bei der Kameraarbeit, für die er wunderbare Plansequenzen und zwischendurch sorgfältige Schnittabfolgen kombiniert, die erst bei wiederholter Betrachtung ihre Kunstfertigkeit wirklich erkennen lassen. Markenzeichen sind auch die beunruhigend eingesetzten Kamerafahrten aus dem Blickwinkel von Julie.

Handlungsmässig sind zuerst natürlich die Unterschiede auffallend. Gibt sich Tarantino ausgiebig seiner Leidenschaft für blutige und actionreiche Kampfszenen hin, sind die Mordszenen bei Truffaut sehr kunstvoll und – ich wiederhole mich – zurückhaltend inszeniert. Anstatt kinetischer Energie stehen die Emotionen der Hauptfigur und ihrer Opfer im Zentrum. Höhepunkt ist in dieser Hinsicht ganz bestimmt der Mord an einem Maler (Charles Denner), für den Julie sich als Modell ausgibt. Der Maler ist von der mysteriösen Ausstrahlung von Julie derart eingenommen, dass er sich in sie verliebt und sie sogar an die Seite seines Betts malt.

Charles Denner in «La mariée était en noir»

Es bestehen aber durchaus viele Gemeinsamkeiten zu «Kill Bill». Auf ähnlich Szenen (das ins Bettbringen eines Kindes, das Einschliessen in einen luftleeren Raum) weist Robert Fischer im Audiokommentar hin. Auffallend ist beispielsweise auch die sehr stilvolle und bedachte Inszenierung. So zieht sich Julie bei jedem Mord einen Handschuh an, jeweils nur den linken. Und obschon Julie sehr intuitiv und teilweise aus der Not heraus improvisierend handelt, geht sie genauso zielstrebig an die Sache heran wie die Braut von Tarantino.

Die DVD bietet sauberes Bild. Die Tonspur ist hingegen ein wenig dumpf. Als Bonusmaterial ist ein 6-minütiger Beitrag, in dem sich Truffaut und Moreau über den Film äussern, und ein deutscher Audiokommentar von Robert Fischer enthalten. Fischer ist Herausgeber und Übersetzer der «meisten Bücher von und über Truffaut in deutscher Sprache.» Er verfügt über gewaltiges Wissen über den Film, dass er meist sehr gekonnt einfügt. So weist er auf die technischen Merkmale des Films hin und stellt erstaunliche Zusammenhänge zwischen den Filmen von Truffaut, seinen Vorbildern und Zeitgenossen her.

Die Anekdoten sind in ihrer Tiefe immer wieder verblüffend, etwa wenn Fischer über das Musikerpärchen, Renaud und Frédérique Fontanarosa, in einer Szene berichtet. Renaud spielte für Truffaut schon in «Les quatre cents coups» eine kleine Rolle. Der Vater der Geschwister wiederum war der Maler Lucien Fontanarosa, der beispielsweise das Porträt von Delacroix auf den 100-Francs-Banknoten der 60er-Jahre gezeichnet hatte. Diese wird von Julie mehrmals so augenfällig ins Bild gerückt, dass durchaus eine Verbindung vermutet werden kann.

Jeanne Moreau und Charles Denner in «La mariée était en noir»

Obschon Fischer darauf hinweist, dass sich die Zuhörenden den Film «hoffentlich gerade oder vor nicht allzu langer Zeit angeschaut haben», erschöpft er sich zwischendurch trotzdem in Beschreibungen der Szenen: «Inzwischen ist Julie, die Geheimnisvolle, aufgetaucht.» Oder später: «Sie verklebt die Ritzen des Kabuffs.» Solche meist überflüssigen Bemerkungen kommen jedoch eher selten vor. An und für sich sollte darauf aber ganz verzichtet werden.

Ein Nachteil des deutschen Kommentars, der ein wenig das Cinéphilie-Verständnis der Deutschen beleuchtet, ist die Verwendung von Filmtiteln. Die werden meist nur in der Übersetzung genannt, was für Personen, die mit den französische Titel vertraut sind, meist wenig hilfreich ist. Ich habe keinen Einwand gegen die Verwendung von deutschen Titeln, die Nennung der Originaltitel ist aber unerlässlich. Dabei betont Fischer auch den Wert der Originalfassung: «Man muss einfach den Film in der Originalsprache hören, damit man die unnachahmliche Stimme von Charles Denner, damit man in den Genuss kommt, diese Stimme zu hören.»

Fischer ist sich übrigens sehr wohl bewusst, dass sein Audiokommentar noch zu Steigerung fähig ist: «Ich darf mich an dieser Stelle vielleicht entschuldigen für den exzessiven Gebrauch des Adjektivs <wunderbar>. Aber sie können das ja entsprechend ersetzen durch ähnliche, lobende Begriffe. Aber bei einem nicht geskripteten Audiokommentar kann es durchaus vorkommen, dass man manchmal sprachlich etwas redundant oder unpräzise ist.» Angenehme Selbstkritik. Für gewöhnlich ist der Kommentar von Fischer aber sehr sprachgewandt, abwechslungsreich und treffend.

Bewertung: 5 Sterne
Bildqualität: 5 Sterne
Tonqualität: 4 Sterne
Bonusmaterial:
4 Sterne

(Bilder: ©Pierrot Le Fou)

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