Locarno 07: «Extraordinary Rendition»

Andy Serkis in «Extraordinary Rendition»

[Erschienen am 8. August 2007, 17.28] Eine Google-Suche nach «Extraordinary Rendition» hat heute 428’000 Resultate erzeugt. Zuoberst sind ein ausführlicher Wikipedia-Artikel und ein exzellenter Beitrag aus der Zeitschrift «The New Yorker» über den Fall des Kanadiers Maher Arar zu finden, der 2002 in New York verhaftet und für Verhöre nach Syrien entführt worden ist.

Was genau ist eine «Extraordinary Rendition»? Der Begriff, der mit «ausserordentliche Auslieferung» übersetzt werden kann, bezeichnet eine Methode der US-Regierung, illegal Menschen von einem Staat in einen anderen zu entführen, um sie dort mit in den USA eigentlich verbotenen Techniken, sprich Folter, zu befragen und einzuklagen. Der Spielfilm «Extraordinary Rendition», der heute im Internationalen Wettbewerb als Weltpremiere gezeigt wurde, erzählt fiktiv von einer auf diese Weise entführten Person.

Der Lehrer Zaafir (Omar Berdouni) wird in London auf offener Strasse von Männern in ein Auto geschleppt, per Geheimflugzeug in ein unbekanntes Land verfrachtet und in Einzelhaft gehalten. Fernab von der Welt durchlebt er einen Alptraum – unter Missachtung des Völkerrechts und der Genfer Konventionen. Nach monatelangen Verhören und Folterungen wird er ohne Prozess und kommentarlos nach England zurückgeschickt.

Zwischen die Szenen, in denen die Behandlung von Zaafir gezeigt wird, stellt Regisseur Jim Threapleton Aufnahmen aus Zaafirs Leben in England. Verheiratet mit einer Katholikin, ist der Muslim gut in die Gesellschaft integriert. Als engagierter Lehrer versucht er, seine Schüler zu eigenen Gedanken anzuregen. Bis er seiner Freiheit beraubt wird. Nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft, nagt er an den psychologischen Folgen der körperlichen und geistigen Misshandlungen.

Wer die Illusion hat, in einer freien Welt zu leben, in der die Gedanken frei sind, wird sich wohl auch von diesem Film nicht beeindrucken lassen. Das liegt sicher auch daran, dass «Extraordinary Rendition» nicht einfach ein politischer Film ist, sondern sich in erster Linie auf die menschliche Seite konzentriert. Das Publikum begleitet Zaafir vor, während und nach seiner Entführung, und muss daher auch ein paar schwer verdaubare Szenen über sich ergehen lassen.

Bei so einem Film ist der politische Inhalt meist schwer vom künstlerischen zu trennen. «Extraordinary Rendition» ist plakativ und schonungslos nah an der Hauptfigur, wodurch eine kritische Distanz fast nicht herzustellen ist. Die Aufnahmen sind manipulativ, weil sie Schock als erste Reaktion provozieren. Wenn dadurch politische Neugier gefördert wird, ist das aber durchaus positiv.

Fazit: «Extraordinary Rendition» ist nicht nur ein emotional packender, sondern auch ein wichtiger Film, weil er die unzivilisierten Methoden westlicher Regierungen sichtbar macht.

Bewertung: 5 Sterne

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