Locarno 07: «Chicago 10» von Brett Morgen

«Chicago 10»

[Erschienen am 10. August 2007, 13.10] Es ist kein Geheimnis: für politische Filme kann ich mich ganz besonders begeistern. Das unheimlich belebende Exemplar «Chicago 10» wird heute Abend über die Leinwand auf der Piazza Grande flimmern. Brett Morgen wirft einen Blick zurück auf eine besonders aktive Periode der politischen Auseinandersetzung in den USA. Ende der 60er-Jahre führt die amerikanische Regierung einen Krieg an mehreren Fronten. Einerseits wird Vietnam bombardiert, andererseits werden im eigenen Land Demonstrationen blutig niedergeschlagen.

Die gespannte Stimmung vor der Versammlung der Demokraten im August 1968 in Chicago, wo sie ihren Präsidentschaftskandidaten bestimmen wollten, hat den legendären Nachrichtensprecher Walter Cronkite dazu veranlasst, Chicago als Polizeistaat zu bezeichnen. Wiederholt verweigert die Stadt den Kriegsgegnern das Recht auf eine friedliche Demonstration, was zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Protestierenden führt. Die Polizei setzt dabei ihre Schlagstöcke unverhältnismässig brutal ein, oder wie im Magazin «Time» zu lesen war: «They savagely attacked hippies, yippies, New Leftists, revolutionaries, dissident Democrats, newsmen, photographers, passers-by, clergymen and at least one cripple.»

Auf der Suche nach einem Sündenbock nimmt die amerikanische Regierung acht der engagiertesten Aktivisten fest, die sogenannten Chicago Eight, darunter Abbie Hoffman, Jerry Rubin und David Dellinger. Man bringt sie vor Gericht und inszeniert einen medienwirksamen Prozess, der aber wegen der Voreingenommenheit und Willkür des Richters zur Farce verkommt. Die Urteile gegen die Angeklagten werden später aufgehoben.

Regisseur Brett Morgen verwendet in seinem ebenso erschreckenden wie erheiternden Dokumentarfilm «Chicago 10» explosives Archivmaterial und animierte Seuquenzen für die Szenen vor dem Richter, da die Gerichtsverhandlung nicht von Kameras beobachtet worden ist. Wie schon «Slipstream» führt auch «Chicago 10» mit einer wahren Bilderflut und einer aggressiven Tonspur einen Angriff auf die Sinne aus. Die Geschichte soll durch Emotionen erlebbar werden.

Dieses Vorhaben gelingt Morgen auf vorzüglichste Weise. Gewisse Vorkenntnisse über die Ereignisse sind allerdings unabdingbar, denn sonst überfordert der mitreissende Film rasch einmal. Wieso etwa der Film «Chicago 10» und nicht «Chicago 8» heisst, muss vermutet werden. Als Sprecher für die animierten Akteure sind übrigens Nick Nolte, Mark Ruffalo («Zodiac»), Roy Scheider, Hank Azaria («Night at the Museum: Battle of the Smithsonian»), Jeffrey Wright, Liev Schreiber («X-Men Origins: Wolverine», «Defiance») und Dylan Baker zu hören.

Fazit: «Chicago 10» ist eine aufwühlende, virtuos gestaltete Zeitreise in eine in weite Ferne gerückte, aber gar nicht so lange zurückliegende Epoche.

Bewertung: 6 Sterne

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