«Tuvalu» von Veit Helmer

«Tuvalu» von Veit Helmer

Moderne Filmemacher verlassen sich für gewöhnlich stark auf die verlässliche Aussagekraft von Dialogen. Einen ganz anderen Weg hat Ende der 90er-Jahre der deutsche Regisseur Veit Helmer für sein höchst skurriles Regiedebüt «Tuvalu» beschritten. Die Tonspur hat er zwar nicht vernachlässigt, erzählt wird die Geschichte von einem verträumten Jungen, der sich in ein nicht ganz unschuldiges Mädchen verliebt, aber hauptsächlich durch die Dynamik der fantastischen Bilder.

Tuvalu ist eine kleine Insel im Pazifik. Und das Ziel der beiden Protagonisten des gleichnamigen Films. Die Handlung spielt allerdings hauptsächlich in einem arg baufälligen Hallenbad in der Mitte von Nirgendwo. Wirklich einwandfrei funktioniert dort einzig die für den Betrieb notwendige Dampfmaschine. Die Badegäste sind nur noch spärlich anwesend, doch Anton (Denis Lavant), der noch nie einen Fuss aus dem Gebäude gesetzt hat, spielt seinem Vater (Philippe Clay), der das Bad leitet, jeden Tag ein Band vor, auf dem das Stimmengewirr unzähliger Badender zu hören ist.

Chulpan Hamatova und Denis Lavant in «Tuvalu»Antons Bruder Gregor (Terrence Gillespie) hat hingegen wenig übrig für die Nostalgie seiner zurückgebliebenen Familienmitglieder. Er plant den ehemaligen Schwimmtempel wie alle anderen Gebäude in der Umgebung abzureissen, um auf dem Grundstück profitable Wohn- und Bürobauten zu errichten. In die Intrigen mischt sich auch noch Eva (Chulpan Hamatova) ein, die das Ventil der Dampfmaschine benötigt, um mit dem Schiff ihres Vaters nach Tuvalu zu fahren. Doch ohne die Dampfmaschine wäre das Hallenbad endgültig dem Ruin ausgeliefert.

Tuvalu ist ein Film ohne Dialog, zumindest fast ohne. Die wenigen geäusserten Satzfragmente sind international leicht verständlich, und auch die Handlung liesse sich leichter als eben geschehen zusammenfassen. Die Einfachheit der Geschichte ermöglichte es Regisseur Veit Helmer seine volle Konzentration auf die Ausstattung und die Geräuschkulisse zu richten, die so fantasievoll komponiert sind, wie sonst nur in Träumen. Daher hört es Helmer auch nicht gerne, wenn «Tuvalu» als Stummfilm bezeichnet wird.

In Bezug auf die Ausstattung muss dieser Film seine nächsten Verwandten bei «Delicatessen» und «La cité des enfants perdus» von Jean-Pierre Jeunet suchen. Ebenso ausgeprägt wie in den Filmen des Franzosen ist die sozialkritische Komponente. Nicht zuletzt dadurch erinnert der Film auch an die Filme von Charlie Chaplin. Schliesslich wird auch in «Tuvalu» die Handlung immer wieder durch die artistischen Einlagen der Darsteller vorangetrieben.

Obschon der Film in Cinemascope gedreht wurde, ist er auf der DVD leider im geschrumpftem «Letterbox»-Format erschienen. Da nicht alle zur Verfügung stehenden Bildpunkte ausgenutzt werden, ist deshalb die Bildqualität tiefer als möglich. Trotz diesem Manko ist die Bildqualität aber durchaus passabel. Tadellos ist hingegen die raumfüllende, lebendige Tonspur in Dolby Digital 5.1.

Zumindest entschädigt das Bonusmaterial ein wenig, obschon auch hier gespart wurde. Der 38-minütige Drehbericht lässt Helmer, Drehbuchautorin Michaela Beck und die Hauptdarsteller zu Wort kommen – ausser Helmer alle in ihrer Muttersprache. Da die Untertitel fehlen hängt es von den persönlichen Sprachfähigkeiten ab, ob man neben Beck (Deutsch) auch noch Helmer und E.J. Callahan (Englisch), Denis Lavant und Philippe Clay (Französisch) sowie vielleicht auch noch die eifrig gestikulierende Chulpan Hamatova (Russisch?) versteht. Helmer gibt seine Aussagen aber auch noch in einem kurzen Interview (4 Minuten) auf Deutsch von sich.

Zudem sind entfallene Szenen (3 Minuten) und Aufnahmen von den Dreharbeiten (4 Minuten) enthalten. Empfehlenswert ist aber vor allem der Audiokommentar mit Helmer, der fesselnd über die Dreharbeiten und glückliche Zufälle spricht. Er erklärt auch, wieso in Sofia gedreht wurde. Als er sich dort umsah, stellte er fest: «Das ist so skurril hier, das passt supergut zu ‘Tuvalu’.» Und seine Leitsätze teilt er auch mit: «Mich interessiert die Abbildung meiner Imagination.»

Film: 5 Sterne
Bildqualität: 3 Sterne
Tonqualität: 5 Sterne
Bonusmaterial: 5 Sterne

(Bilder: ©Veit Helmer)

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