Locarno 09: «The Marsdreamers» von Richard Dindo

Elizabeth Wolfe in «The Marsdreamers»

The white people are restless. They’re tired of living here.

Auf dem Mond haben die Menschen ihre Fussabdrücke bereits hinterlassen. Nun lockt der Mars. Schon in wenigen Jahrzehnten soll eine bemannte Mission den roten Planeten erkunden. Der Schweizer Dokumentarfilmer Richard Dindo hat sich für «The Marsdreamers» in den USA mit Menschen unterhalten, die sofort bereit wären, sich auf diese Reise zu machen. Gestern feierte das faszinierende Werk im Wettbewerb «Cinéastes du Présent» die Weltpremiere.

Wie muss man sich das Leben auf dem Mars vorstellen? Was ist Sinn und Zweck einer bemannten Mission? Und wer würde sich dafür zur Verfügung stellen? Richard Dindo, der gemäss Angaben im Katalog von Locarno schon lange einen Film in den USA drehen wollte, hat amerikanische Wissenschaftler, Architekten, Studenten, Ingenieure und auch einen Schriftsteller gefragt, wie das Leben auf dem Mars aussehen könnte und welche Herausforderungen auf die Erforscher des zweitnächsten Planeten zukommen werden.

Einige der Interview-Partner sind Mitglieder der 1998 gegründeten Mars Society, die die Erforschung und Besiedelung vom Mars als Ziel formuliert hat. Andere sind Wissenschaftler bei der Raumfahrtbehörde NASA, Geologen und Physik- und Astronomie-Professoren. Fast alle sind davon überzeugt, dass eine Reise zum Mars notwendig ist: «Someone’s gotta do it.» Die Zerstörung der Erde könne nur durch Erkundung des Nachbarplaneten abgewendet werden. Dort lasse sich der Ursprung von anderem Leben und Geheimnisse der Zivilisation erforschen.

Richard Dindo besuchte einige der Gesprächspartner in Gegenden der USA, die der Oberfläche von Mars ähnlich sind, etwa in der Mars Desert Research Station im San Rafael Swell in Utah. Dort wird das Leben und die Arbeit auf Mars simuliert. Teilnehmerin eines solchen von NASA geförderten Programms ist die Geologin Elizabeth Wolfe. Auch sie ist überzeugt, dass eine Mission zum Mars notwendig ist. Wenn sie in ihrem Raumanzug vor dem rötlichen Gelände spaziert, sieht es beinahe so aus, als ob sie schon dort ist.

Bruce Mackenzie in «The Marsdreamers»

Die Vorstellungen vom Leben auf Mars sind unterschiedlich. Einerseits bestehen Pläne für eine einfache Forschungsstation, andererseits existieren bereits Absichten für eine feste Kolonie. Innenarchitekt Kurt Micheels führt auf der Website «Explore Mars Now» durch die mögliche Mars-Basis und erklärt, wie gefährlich der Staub und die Strahlung sind. Etwas ausgefeilter sind die Pläne von Architekt Bruce Mackenzie, einem Mitbegründer des Mars Homestead Project, das die weitere Verbreitung der Zivilisation durch eine Siedlung auf dem Mars ermöglichen soll.

Mackenzie führt durch die verschiedenen Phasen des Siedlungsbaus und die Komponenten der Siedlung. Die Wohnräume (mit Einzel- und Doppelschlafzimmer!) sind von dem zur Energieerzeugung benötigten Nuklearreaktor und den Produktionsstätten von Metall, Plastik, Keramiks, Glas und Ziegelsteinen ein wenig abgewandt, um die Lebensräume von Lärm zu schützen. Wenn vor den Fenstern der Wohnzimmer Pflanzen gestellt werden, ergebe sich ein angenehmer Kontrast von grün und rot.

Immer wieder taucht der Vergleich zu den in die USA ausgewanderten Siedlern auf, die auf der Mayflower und anderen Schiffen in eine neue Welt vorgestossen sind. Sie mussten auch in einer unbekannten Umgebung ihr Überleben sichern und sich weitgehend auf mitgebrachte Instrumente und Werkzeuge verlassen. Dabei kommt auch der Gedanke einer neuen Gesellschaft auf, die sich auf dem Mars entwickeln wird. Wie die frühen Siedler werden die Menschen auf die gegenseitige Unterstützung angewiesen sein. Es werde ein Gemeinschaft entstehen.

Sonny Spruce und Richard Archuleta in «The Marsdreamers»

Als sich die Aussagen bereits ein wenig zu wiederholen beginnen und das Thema ausgepresst zu sein scheint, melden sich die beiden Taos-Indianer Sonny Spruce und Richard Archuleta zu Wort. Sie amüsieren sich ein wenig über die Pläne der Weissen, sind aber gleichzeitig ein wenig irritiert. Weil die Menschen ruhelos sind und das Leben auf der Erde satt haben, wollen sie zu einem anderen Planeten aufbrechen. Anstatt das Leben hier zu respektieren, töten sie es und wollen einen neuen Planeten erobern.

Die Aussagen der Indianer werden von Schriftsteller Kim Stanley Robinson, Autor der «Mars»-Trilogie «Red Mars», «Green Mars», «Blue Mars», unterstützt: «You’ve got to think about Earth first.» Wenn das Überleben der Menschheit auf der bedrohten Erde nicht gesichert werden kann, dann ist eine Mars-Mission von vornherein zum Scheitern verurteilt. Wenn hingegen die Absicht einer Mars-Besiedelung den Menschen die Zerbrechlichkeit der Erde und die Bedeutung ihres Ökosystems bewusst macht, dann können sie auch einen positiven Einfluss haben.

Robinson erläutert auch, wieso der Vergleich mit der Besiedlung der neuen Welt völlig falsch ist. In Amerika sind die Siedler aus Europa auf einen Lebensraum gestossen, in dem sie sich nicht grundlegend um Sauerstoff, Temperatur und Wasser sorgen mussten. Die notwendigen Grundstoffe waren bereits vorhanden. Eine Landung auf dem Mars gleicht hingegen eher einer Reise in die Antarktis, wo zwar Forschungsstationen betrieben werden, aber die Bedingungen für eine ständige Besiedlung eher feindselig sind. Mars als Rettung für das Überleben der Menschheit sei also nicht wirklich ein umsetzbares Vorhaben.

Am Ende wird klar, dass diese Aussagen auch die Botschaft von Dindos Dokumentarfilm sind. Die Reise zum Mars ist zwar ein schöner Traum, aber zuerst muss auf der Erde aufgeräumt werden. Das ist auch die gemeinsame Aussage, welche die Mars-Träumer an ihre Mitmenschen richten würden, sollten sie eines Tages tatsächlich zum Mars reisen: «Tragt Sorge zur Erde!» Wer sich ausgiebig damit beschäftigt, die Erde vielleicht für immer zu verlassen, erkennt auch, wie kostbar der blaue Planet ist.

«The Marsdreamers» besticht hauptsächlich durch seinen Inhalt. Formal ist der Film nicht wirklich überragend. Dindo und Pio Corradi haben sich mit ihren HD-Kameras vor allem auf die Personen und die Landschaften konzentriert und dabei einige hübsche Bilder eingefangen, die manchmal auch den Zustand des Lebens auf der Erde dokumentieren. Sobald aber ein Interview in einem geschlossenen Raum stattfindet, verlieren die Aufnahmen an Spannung. Zwischen die sprechenden Köpfe sind echte Aufnahmen vom Mars und Visualisierungen der Missionen montiert.

Während die meisten Gesprächspartner trotz einer teilweise übermässigen Portion Idealismus als seriös erscheinen, sind ausgerechnet die Gespräche mit Marcus Medley, dem einzigen Afroamerikaner im Dokumentarfilm, etwas unglücklich ausgefallen. Seine Äusserungen wirken äusserst naiv und selbstbezogen. Er ist die einzige Person, für die weniger die Erforschung eines fremden Planeten im Zentrum steht, sondern vielmehr der Wunsch, in die Geschichte einzugehen. Ich habe keine Zweifel, dass der Student der technischen Informatik durchaus gebildet und redegewandt ist, aber seine Aussagen lassen einen anderen Eindruck entstehen. Wenig ergiebig ist auch die Unterhaltung mit einer Gruppe Technik-Studenten in einem Hotelzimmer.

Fazit: «The Marsdreamers» ist eine meist reizvolle Betrachtung von Menschen, die furchtlos von einer gewagten Mission träumen.

Bewertung: 5 Sterne

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