«Taking Woodstock» von Ang Lee

Henry Goodman, Demetri Martin und Imelda Staunton in «Taking Woodstock»

Far out.

Die Bedeutung von Ereignissen ist relativ und höchst subjektiv. 1969 wurde in Woodstock Musikgeschichte geschrieben. Die Geschichte hinter diesem legendären Konzert wird von Regisseur Ang Lee in «Taking Woodstock» aus der Perspektive eines jungen Mannes aus der Provinz geschildert, der durch den überwältigenden Anlass zu sich selbst findet. Ein reizvoller, aber nicht wirklich ergiebiger Ansatz.

Das El Monaco Motel in der kleinen Ortschaft White Lake hat schon deutlich bessere Zeiten gesehen. Die Farbe blättert langsam ab, die Schrauben lösen sich und verrosten langsam, und die Zimmer sind nur selten sauber. Kein Wunder, tauchen immer seltener Gäste auf. Elliot Tiber (Demetri Martin) versucht dennoch mit allen Mitteln, das finanzielle Überleben des Motels seiner Eltern Jake (Henry Goodman) und Sonia (Imelda Staunton) zu sichern. Im Sommer 1969 soll ein kleines Theater- und Musikfestival die Gäste aus New York anlocken.

Da hört Elliot, dass die Nachbargemeinde Wallkill ihre Erlaubnis für das alternative Woodstock-Konzert entzogen hat. Er kontaktiert den Organisator Michael Lang (Jonathan Groff) und bietet ihm das Gelände um das Motel als Veranstaltungsort an. Als Präsident der lokalen Handelskammer hat Elliot bereits eine Bewilligung für die Durchführung. Das sumpfige Gelände hinter dem Motel ist für das Konzert jedoch nicht geeignet. Fündig werden die Organisatoren schliesslich beim jüdischen Milchbauern Max Yasgur (Eugene Levy).

Damit beginnen die Probleme aber erst. Die Stimmung unter den Einwohnern von White Lake schlägt von Argwohn schnell in offene Ablehnung um. Die konservativen Bürger fürchten die Zerstörung ihrer Stadt, wenn 5000 langhaarige Hippies an das Festival reisen. Wenn sie nur wüssten, dass die Veranstalter mit gegen 500’000 Besuchern rechnen. Elliot kämpft derweil um Anerkennung von seinen Eltern, die von den anstürmenden Massen und den gesellschaftlichen Veränderungen ebenso überfordert sind wie er selbst.

Eugene Levy und Demetri Martin in «Taking Woodstock»

Auch wenn der Anlass im Titel erwähnt wird, ist «Taking Woodstock» keineswegs die Geschichte des einzigartigen Konzerts. Vielmehr schildert Regisseur Ang Lee und Drehbuchautor James Schamus einfühlsam die Selbstfindung eines verwirrten Vorstädters. Elliot Tiber entdeckte zwar schon zuvor die freie Gesellschaft in New York, konnte sich aber nicht wirklich vom Einfluss seiner Eltern befreien. Das Konzert bildet jetzt die Kulisse für die Emanzipation des schüchternen Mannes. Durch diesen Zugang verliert der Konzertanlass selbst seine Bedeutung und der Film auch ein wenig seine Spannung.

Basierend auf diesen Ausschnitt aus der Biografie von Elliot Tiber zeigen Lee und Schamus vielmehr auf, wie die Bedeutung eines Ereignisses unterschiedlich interpretiert werden kann. Das für den grösseren Zusammenhang scheinbar unbedeutende Auseinanderbrechen von Elliots Familie ist für die direkt betroffenen Personen von grösserer Bedeutung als das friedliche Zusammentreffen einer halben Million musikbegeisterter Kriegsgegner. Die übergeordnete Perspektive löst sich im Mikrokosmos des Individuums auf.

Diese Herangehensweise an das Thema ist durchaus berechtigt und könnte fruchtbar ausgewertet werden. Doch Lee und Schamus verlieren sich zu stark im trüben Familienkonflikt, der zu klischiert geschildert wird. Störend sind in erster Linie die überzeichneten Eltern. Vor allem die Mutter bleibt durch ihren übermässigen Schützerinstinkt, ihre vernichtende Geldgier und ihre regelmässige Flucht in die Opferrolle lediglich die Karikatur einer stereotypischen Jüdin. Das verhindert die Anteilnahme am Schicksal von Elliot.

Demetri Martin und Liev Schreiber in «Taking Woodstock»

Die fehlenden Zwischentöne können zumindest teilweise durch die Leistungen der Schauspieler ersetzt werden. Doch ausgerechnet von seinem Hauptdarsteller erhält Lee wenig Unterstützung. Demetri Martin verfügt über zu wenig Ausstrahlung, um die Handlung zu tragen. Zahlreiche Nebendarsteller sind zwar überragend, verstärken aber nur noch mehr den Eindruck, dass Martin durch den Film schlafwandelt. In nennenswerten, teilweise aber auch zu wenig ausgeschöpften Nebenrollen tauchen Emile Hirsch («Into the Wild»), Paul Dano («There Will Be Blood»), Mamie Gummer (die Tochter von Meryl Streep) und Jeffrey Dean Morgan auf. Überstrahlt werden diese Auftritte vom vollkommen uneitlen Liev Schreiber, der als Ex-Marine und Transvestit allen die Schau stiehlt.

Auch formal ist «Taking Woodstock» eher zwiespältig ausgefallen. Zwischendurch sind ironische Aufnahmen enthalten, die den Widerspruch zwischen dem Megaanlass und der ländlichen Idylle aufzeigen. Nachdem etwa Elliot von Michael Lang in einer braunen Papiertüte die Entlöhung für seine Dienste erhält (die Organisatoren zahlen nur bar), entfernt sich das Auto und Elliot steht mit seiner Tüte vor ein paar teilnahmslos in die Gegend blickenden Kühen. Zu nervös sind hingegen die wiederkehrenden Montagen gestaltet, in denen zwei und mehr Bildfenster geöffnet werden. Sie veranschaulichen, wie unübersichtlich die Organisation von Woodstock auf Elliot wirkt. In manchen von diesen Szenen wird aber auch das Publikum überfordert.

Fazit: «Taking Woodstock» bricht einen legendären Anlass auf eine persönliche Ebene herunter, verliert aber gerade durch die provinzielle Inszenierung an Allgemeingültigkeit.

Bewertung: 3 Sterne

(Bild: ©Ascot Elite)

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