«Madeinusa» von Claudia Llosa

Magaly Solier und Carlos J. de la Torre in «Madeinusa»

En tiempo santo no hay pecado.

Was geschieht, wenn europäische Traditionen einer fremden Kultur aufgedrängt werden? In der Fantasie der peruanischen Filmemacherin Claudia Llosa treiben die überbrachten Rituale seltsame Blüten. In ihrem Regiedebüt «Madeinusa» schildert sie den Einfluss des katholischen Glaubens auf die Bewohner eines kleinen Dorfs in den Anden und die radikale Emanzipation eines jungen Mädchens von den patriarchalischen Strukturen.

Madeinusa (Magaly Solier) ist der Name eines 14-jährigen India-Mädchens, das in einem Dorf in den peruanischen Anden lebt. Sie ist die Tochter des Bürgermeisters und somit Anwärterin auf die Rolle der «Heiligen Jungfrau» am Osterfest-Umzug durch das Dorf. Während dieser heiligen Zeit wird ausgiebig gefeiert und die gesellschaftlichen Schranken fallen. Schliesslich kann Jesus in der Zeit zwischen Karfreitag und Ostersonntag nicht über die Gläubigen wachen und daher gibt es auch keine Sünde. So sieht es auch der Bürgermeister, der gerne mit seiner Tocher schlafen würde.

Ein ungebetener Gast stört allerdings die Rituale der katholische Indios. Aus Lima kommend strandet nämlich Salvador (Carlos J. de la Torre) im Dorf und beobachtet leicht befremdet das Treiben. Von den Einheimischen wird er gleich einmal unter Arrest gestellt und vom Bürgermeister eingesperrt. So stösst Madeinusa auf den Fremdling. Allmählich entsteht Zuneigung zwischen den beiden. Madeinusa sieht in ihm die Chance, aus der Unterdrückung im Bergdorf in die Freiheit von Lima zu fliehen, wo auch ihre Mutter leben soll.

Zeitmesser in «Madeinusa»

Leicht verrückt sind die Bewohner des Bergdorfs, die in einer Zivilisation mit ihren eigenen Regeln leben – fernab der Zivilisation. Die gezeigten Rituale sind zwar von Regisseurin und Drehbuchautoren Claudia Llosa erfunden worden. Doch irgendwie sind sie auch als Austriebe einer irregeleiteten Frömmigkeit durchaus nachvollziehbar. Geschichten von einem gekreuzigtem Mann und einer jungfräulichen Mutter können leicht zu falschen Schlussfolgerungen führen. Llosa entlarvt auf diese Weise die Heuchelei der Religionen.

Besonders eigenartig sind die Kleider der Dorfbewohner. Die Männer sind fast allesamt in Anzüge oder zumindest Hemden und Hosen gekleidet, die zwar teilweise schon ein wenig ausgetragen sind, aber dennoch eine formale Strenge erzeugen. Die meisten Frauen tragen hingegen traditionelle Indio-Kostüme. Dieser Gegensatz führt auch zur kuriosesten Zeremonie, in der sich die Männer ihre Krawatten abschneiden und die Frauen anschliessend auswählen, mit welchem Mann sie die Nacht verbringen wollen. In der heiligen Zeit gibt es keine Sünde.

Einfühlsam und präzise beobachtet Llosa ihre Protagonisten in diesem entrückten Universum. Behutsam nähert sie sich ihren Figuren. Besonders Magaly Solier in der Hauptrolle strahlt eine geheimnisvolle Kraft aus. Salvador ist zwar der Ansicht, dass Lima sie zerstören würde. Doch obschon Madeinusa einen zerbrechlichen Eindruck erzeugt, ist der trotzigen jungen Frau anzusehen, dass sie sich durch unerschütterliche Bestimmtheit nicht von ihrem Ziel abbringen lässt.

Eine Besonderheit von südamerikanischen Filmen ist der meist geruhsame Erzählrhythmus. Die andere Zeitempfindung wird in «Madeinusa» sehr konkret durch den Zeitmesser personifiziert, der zu Beginn der «tiempo santo» in der Mitte des Dorfes sein Lager einrichtet und auf Klapptafeln die heilige Zeit abmisst. Ab und zu blinzelt er in die Sonne und klappt den Minutenzähler wieder um eine Periode nach vorne. Wenn er einmal kurz einnickt, wird halt der Stundenzähler bewegt. Eine wunderbare Verkörperung der anderen Zeitempfindung.

Die DVDs von Trigon-Film haben bis vor einer Weile häufig gar kein Bonusmaterial enthalten. Auf der DVD von «Madeinusa» ist immerhin ein halbstündiges Interview mit Claudia Llosa vorhanden, das auch als Text auf deutsch und französisch in einem Beiheft abgedruckt ist. Darin äussert sie sich über die Symbolik in ihrem Film, über Religion, Kolonialismus, Ödipus und Phallus. Eine nützliche Ergänzung zum Film.

Bewertung: 5 Sterne
Bild-/Tonqualität: 4 Sterne
Bonusmaterial:
3 Sterne

(Bilder: ©Trigon-Film)

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