«Valkyrie» mit Tom Cruise

Tom Cruise in «Valkyrie»

Wenn es brennt, ist Tom Cruise zur Stelle. Ob er einen genetisch modifizierten Virus zerstören («Mission: Impossible II»), ein Filmstudio retten (Metro-Goldwyn-Mayer) oder nun eben in «Valkyrie» ein Attentat auf Adolf Hitler verüben muss. Da er gleichzeitig Mitglied von Scientology ist, muss der Schauspieler und Produzent (ab und zu zurecht) ordentlich Prügel einstecken. Das liegt vielleicht auch an seinem unüberwindbaren Ego. Das wirkt auf viele Personen störend. Für die Besprechung von «Valkyrie» soll das nun aber keine Rolle spielen.

Zuerst ein paar Bemerkungen über die Entstehung des Projekts. Es ist schliesslich nicht selbstverständlich, dass ein jüdischer Regisseur einen Film über den Deutschen Widerstand dreht. Wie im Presseheft erklärt wird, war Drehbuchautor Christopher McQuarrie im Winter 2002 für Recherchen zu einem anderen Projekt in Berlin und kam während einer Stadtrundfahrt in die Stauffenbergstrasse, die nach dem Widerstandskämpfer Claus Schenk Graf von Stauffenberg benannt ist. Dort stiess er auf den Bendlerblock, eine Gedenkstätte des Deutschen Widerstands. Davon war McQuarrie besonders berührt und beschloss, über diese Ereignisse ein Drehbuch zu schreiben.

Das Drehbuch verfasste McQuarrie zusammen mit Nathan Alexander, der von der Geschichte fasziniert gewesen sei. Er begann Stauffenbergs Lebenslauf und die Verschwörung zu recherchieren, die Hitler töten und seine Regierung durch einen Staatsstreich ersetzen sollte. Anfangs sollen McQuarrie und Alexander die Handlung von «Valkyrie» durch die Ergebnisse ihrer Recherchen vorangetrieben haben: «Wir folgten buchstäblich den Fakten.» Für zahlreiche in die Handlung eingebauten Szenen gibt es jedoch schlicht keine verbürgten Zeugenaussagen.

«Valkyrie»Erst allmählich haben die Drehbuchautoren dann bemerkt, dass dadurch gewisser Spielraum für Interpretationen besteht: «Zunehmend erkannten wir, dass es eine sehr kontroverse Geschichte war, in der unterschiedliche Meinungen darüber bestehen blieben, wer die einzelnen Männer waren – von Stauffenberg über Beck zu Olbricht – und was jeder von ihnen vor hatte. Unser Anspruch war, die Geschichte in zwei Stunden so nah wie möglich an der Wahrheit zu erzählen und dem Publikum von heute den Druck und die Hochspannung der historischen Situation zu vermitteln.»

Beim Schreiben habe das Duo eine ganz eigene Arbeitsweise entwickelt: Während Alexander einen sehr detaillierten Entwurf unter besonderer Beachtung einer Zeitachse schrieb, rückte McQuarrie in seinem Manuskript den dramatischen Aspekt in den Vordergrund. «Wir bewegten uns so lange zwischen diesen beiden Polen hin und her, bis das Pendel ausbalanciert war,» lässt sich McQuarrie zitieren. Die Faktentreue lässt sich aus dem Film tatsächlich herausspüren. Aber eben auch die Freiheiten bei der Interpretation.

Gemäss Angaben im Presseheft betrafen die einzigen bedeutenden Änderungen, die McQuarrie und Alexander an den Fakten vornahmen, eine Straffung der zeitlichen Abläufe und die Anzahl der beteiligten Figuren, um die Geschichte in zwei Stunden Film erzählen zu können. Obwohl in direktem Zusammenhang mit den Ereignissen des 20. Juli etwa 200 Personen hingerichtet und weitere 700 inhaftiert wurden, konzentriert sich der Film auf eine Handvoll Hauptpersonen.

Einigen Szenen ist anzumerken, dass McQuarrie und Alexander – sicherlich im Versuch die Spannung zu steigern – den Inhalt ein wenig dramatisch übersteigert haben. Wenn etwa Goebbels sich eine Zyanidkapsel in den Mund schiebt, bevor der ihn verhaftende Major Remer ins Zimmer tritt. Goebbels hat einen Telefonanruf von Hitler erhalten, reicht Remer den Hörer weiter und wartet nervös auf die Reaktion. So hat sich das wohl nicht wirklich zugetragen. Diese Spannungsmomente, die den historischen Film in einen Thriller verwandeln sollen, sind der Stimmung und Wirkung eher abträglich.

Diese Haltung entspricht jedoch den Ansprüchen von Regisser Bryan Singer, der meint: «Wir haben keine Dokumentation gedreht. Wichtig war uns, die Wahrheit der Geschichte so fesselnd wie möglich rüberzubringen.» Da stellt sich unmittelbar die Frage, was denn die Wahrheit der Geschichte ist? Lässt sie sich wirklich durch einen Thriller vermitteln? Singer, Quarrie und Alexander bringen eine Wahrheit auf die Leinwand, die ihren präzise recherchierten Vorstellungen der Ereignisse entspricht. Das ist ihnen immerhin überzeugend gelungen.

Vorzüglich sind die Ausstattung und die technische Inszenierung. Auch die von Tom Cruise angeführte Besetzung mit Kenneth Branagh, Bill Nighy, Tom Wilkinson («Cassandra’s Dream») und Terence Stamp ist tadellos. Einziger Makel: während die meisten Schauspieler ihre angestammte Sprechweise verwenden, hat ausgerechnet Adolf Hitler als (fast) einzige Figur einen deutschen Akzent. Zuerst bin ich davon ausgegangen, dass Hitler von einem deutschen Schauspieler verkörpert wird. Das ist jedoch nicht der Fall. Er wird vom britischen Schauspieler David Bamber gespielt. Über die unverständliche Entscheidung, das ausgerechnet er mit deutschem Akzent ausgestattet wird, kann ich nur den Kopf schütteln.

Fazit: «Valkyrie» ist ein sorgfältig inszeniertes Drama, das ein historisches Ereignis mit ein wenig zuviel Thriller-Elementen, aber dennoch durchwegs faszinierend nachstellt.

Bewertung: 4 Sterne

(Bilder: © 2009 Twentieth Century Fox Film Corporation. All Rights Reserved)

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Ein Kommentar to “«Valkyrie» mit Tom Cruise”

  1. Danke für den interessanten Kommentar. Ich werde mir den Film auch ansehen, obwohl ich betreffs der zuvielen Thriller-Elementen auch deiner Meinung bin.
    Grüsse
    feldwaldwiesenblogger

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