«An Education» von Lone Scherfig und Nick Hornby

Carey Mulligan in «An Education»

I’d be careful, Jenny, you don’t know who you’re dealing with.

An der Schwelle zum Erwachsenensein entdeckt Anfang der 60er-Jahre ein knapp 17-jähriges Mädchen die Verlockungen der grossen Welt. Schriftsteller Nick Hornby hat das Drehbuch zu der sensiblen Geschichte über ein Mädchen und ihre ungewöhnliche Wahl zwischen Schule und Liebe verfasst. Die dänische Regisseurin Lone Scherfig hat es einfühlsam und stilsicher inszeniert.

Die fleissige Schülerin Jenny (Carey Mulligan) wächst 1961 in einer eintönigen Vorstadt von  London auf. Ihr Weg ist schon beinahe vorherbestimmt: ihr konservativer Vater Jack (Alfred Molina) finanziert ihr das Studium in Oxford, wo sie vielleicht einen vermögenden Ehemann trifft oder sonst später zumindest eine sichere Stelle als Lehrerin oder in einer Verwaltung findet. Doch zuvor lernt Jenny den weltgewandten Mittdreissiger David (Peter Sarsgaard) kennen, der sie durch seine lockere Art und die Vertrautheit mit Kultur gleich verführt.

Ihm gelingt es sogar, Jennys Vater und Mutter Marjorie (Cara Seymour) von sich zu überzeugen. David, sein Kollege Danny (Dominic Cooper) und dessen Freundin Helen (Rosamund Pike) verschaffen Jenny Zutritt in eine ihr bisher unbekannte Welt mit Konzerten, Nachtclubs und Kunstauktionen. Während die Freundinnen von Jenny alles über die Beziehung in sich aufsaugen, sind ihre Englischlehrerin (Olivia Williams) und die Schuldirektorin (Emma Thompson) zutiefst enttäuscht und entsetzt, weil ihre Vorzeigeschülerin fest dazu entschlossen scheint, ihre Begabungen und die sichere Chance auf eine bessere Bildung aus dem Fenster zu werfen.

Peter Sarsgaard, Carey Mulligan, Cara Seymour und Alfred Molina in «An Education»

Das auf die Memoiren der Journalistin Lynn Barber basierende Drama «An Education» zeigt die britische Gesellschaft vor der sozialen Revolution in den 60er-Jahren. Eine junge Frau konnte damals noch zwischen einer Rolle als Lehrerin, Beamtin oder Hausfrau wählen. Wie der Titel des Films schon anklingen lässt, wird die Geschichte in der Tradition des Bildungsromans erzählt. Hauptfigur Jenny wagt eine sanfte Rebellion gegen die einengende Welt. Sie fordert nicht nur die Eltern heraus, sondern auch die  Schule. Wissen dürfe nicht nur vermittelt werden, die Schule müsse auch erkären, wozu es dienen soll.

Die beiden herausragenden Bestandteile des gefühlvollen Films sind das Drehbuch von Nick Hornby, sein zweites verfilmtes Drehbuch nach «Fever Pitch», und die Hauptdarstellerin Carey Mulligan. Elegant und leichtfüssig treibt Hornby die Handlung voran, ohne dabei gross in die Klischees der nicht ganz statthaften Beziehung abzusinken. Das ist nicht nur der Verdienst von Hornby, sondern eben auch von Mulligan, die zwar manchmal zerbrechlich und naiv wirkt, dann aber auch wieder ganz selbstbewusst ihre Ansichten vertreten kann. Fesselnd ist ihre ausgeprägt nuancierte Mimik, und durch ihr sanftes, unwiderstehliches Lächeln strahlt sie eine unbezwingbare Kraft aus.

Auch Peter Sarsgaard trägt dazu bei, dass seine Figur nicht einfach als alter Lüstling erscheint. Obschon seine Motive nicht ehrenhaft sind, nähert er sich anständig und zurückhaltend der entdeckungshungrigen Jugendlichen und erweist sich vor allem gegenüber ihrem Vater als charmanter Schmeichler. Alfred Molina erhält die saftigsten Dialogzeilen, die ihn als leicht ignoranten, aber dennoch wohlwollenden Vater darstellen. Seine Tochter soll zwar zur Förderung ihrer schulischen Bildung ein Instrument spielen, aber bitte nicht im Haus üben: «You don’t have to practise a hobby.»

Die köstlichen Einsichten des Vaters sind dann auch hauptsächlich für den Humor in der Geschichte verantwortlich. Für die Emotionen ist Jenny und ihr unbändiges Verlangen nach Freiheit besorgt. Hornby und Regisseurin Lone Scherfig gelingt es vorzüglich, die delikate Balance zwischen diesen beiden Polen zu finden und einen stimmungsvollen Eindruck vom Lebensgefühl zwischen steifem Bürgertum und verlockendem Aufbruch zu vermitteln. Wer gerne Hornby liest oder die Verfilmungen seiner Bücher mag, wird an «An Education» ganz bestimmt Gefallen finden.

Fazit: «An Education» ist ein humorvoll berührendes Drama über die elementaren Entscheidungen des Lebens.

Bewertung: 6 Sterne

(Bilder: ©Rialto)

2 Kommentare to “«An Education» von Lone Scherfig und Nick Hornby”

  1. [...] An Education von Lone Scherfig. Schulmädchen wird wild. Das Drehbuch von Nick Hornby mag brav sein – die Inszenierung der Dänin hat Power und Herz. [...]

  2. [...] im Kopf mit Michael Sennhauser. Ich stelle heute An Education vor, den neuen Film von Lone Scherfig, und den grossartigen Lourdes von der Österreicherin [...]

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