«The English Patient» von A. Minghella (Blu-ray)

Ralph Fiennes in «The English Patient»

She lights a match in the dark hall and moves it onto the wick of the candle. Light lifts itself onto her shoulders. She is on her knees. She puts her hands on her thighs and breathes in the smell of the sulphur. She imagines she also breathes in light.

Licht und Dunkelheit. Das sind die zentralen Motive in «The English Patient» von Michael Ondaatje. Als ich 1997 die Verfilmung von Anthony Minghella im Kino gesehen habe, hat mich die gleichzeitige Überfülle und Abstossung von Emotionen nicht wirklich berühren können. Das Kriegsepos hat mich vielmehr gelangweilt, und ich konnte nicht verstehen, wieso es mit neun Oscars ausgezeichnet wurde. Das ist auch heute noch leicht unverständlich, weil es sich gegen «Fargo», «Shine» und «Secrets & Lies» durchgesetzt hat. Aber die gespaltenen Figuren und die verschachtelte Struktur faszinieren mich unterdessen.

Im Zweiten Weltkrieg verweigert sich die kanadische Krankenschwester Hana (Juliette Binoche) gegen Ende der Eroberung von Italien durch die Alliierten dem Krieg. Sie zieht sich mit einem langsam an seinen Brandwunden sterbenden Patienten (Ralph Fiennes) in eine zerstörte Villa zurück. Dort erhält sie Gesellschaft von zwei eigenartigen Gestalten. Der geheimnisvolle David Caravaggio (Willem Dafoe), dem die beiden Daumen fehlen, kennt sie schon aus ihrer Kindheit in Montréal. Aus einer ganz anderen Ecke der Welt stammt der indische Sappeur Kip (Naveen Andrews), der sich um die Entschärfung der Minen in der Gegend kümmert.

Im Zentrum der Geschichte liegt aber der verwundete Patient, der sich nicht an seinen Namen erinnern kann. Weil er sich als Engländer ausgibt, wird er einfach «The English Patient» genannt. Sein einziger verbleibender Besitz ist eine Kopie der «Historien» von Herodot, in die er Seiten aus anderen Büchern eingeklebt und eigene Notizen gekritzelt hat. Allmählich wird die Vergangenheit des Patienten enthüllt, der eigentlich der ungarische Graf Laszlo de Almásy ist, der vor dem Krieg auf der Suche nach der legendären Oase Zarzura die Sahara erforscht hat. Sein Unglück nahm seinen Lauf, als er sich in Katharine Clifton (Kristin Scott Thomas) verliebte, die Gattin von Expeditions-Teilnehmer Geoffrey Clifton (Colin Firth).

Juliette Binoche in «The English Patient»

Im Roman von Ondaatje beginnt die Rückblende in die Wüste erst kurz vor der Hälfte des Texts. Und ein Kapitel über die militärische Ausbildung von Kip führt nach England. Für Regisseur und Drehbuchautor Minghella war dieser Aufbau wenig hilfreich. Doch das war sowieso nur eine der Herausforderungen bei der Umsetzung des Stoffes. Wie Minghella im Audiokommentar auf der Blu-ray-Disc feststellt, hat der Roman kaum eine wirkliche Erzählung, sondern besteht hauptsächlich aus einer «poetic collision of events», dem dichterischen Zusammenprall von Ereignissen. Für seinen Film hat Minghella die Ereignisse neu zusammengesetzt und sich auf die sich spiegelnden Beziehungen zwischen Almásy und Katharine sowie Hana und Kip konzentriert. Zwischen diesen Paaren dient der auf Rache sinnende Caravaggio als Scharnier.

Die Verfilmung von «The English Patient» entschlüsselt die Kontraste zwischen Helligkeit und Dunkelheit auf der Bildebene und fesselt durch die ebenso glühende wie verzweifelte Sinnlichkeit. Eine zentrale Szene spielt in der Höhle der Schwimmer, wo Almásy die bei einem Flugzeugabsturz verwundete Katharine zurücklässt. Langsam geht das Licht aus, und Katharine erinnert sich in der Dunkelheit an die verzehrende Liebesaffäre. Derweil versuchen die Bewohner der Villa immer wieder Licht in die Dunkelheit zu bringen, doch angesichts der Verwüstung durch den Krieg können sie nur scheitern. Während Ondaatje am Ende die verheerenden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki auf die Figuren wirken lässt, lässt es Minghella beim Tod durch die unersättliche Liebe bewenden.

Herausragend sind in erster Linie die Kameraarbeit von John Seale und die Musik von Gabriel Yared. Die Schauspieler sind ebenfalls mitreissend. Besonders die zwischen hemmungsloser Hingabe und unterkühlter Distanziertheit schwankenden Ralph Fiennes und Kristin Scott Thomas sind ergreifend. Viel Lob verdient aber auch der Regisseur und Drehbuchautor. Minghella ist es tatsächlich meisterlich gelungen, aus der mäandernden Vorlage ein opulentes Drama formen, das nachvollziehbar die Emotionen zwischen Verlust und Verzweiflung erleben lässt. Erschütternd erzählt er von der Unerfüllbarkeit der perfekten Liebe zwischen Wüste und Krieg.

Die Blu-ray-Disc bietet das Epos in vorzüglicher Bildqualität, die einzig in den Szenen in Italien leichte Unschärfen und Flimmern in den dunklen Bildflächen erkennen lässt. Dieser kleine Makel ist womöglich darauf zurückzuführen, dass Minghella in diesen Szenen mit diffusem Licht gearbeitet hat. Tadellos ist die Tonspur in DTS-HD Master Audio 5.1, die natürlich vor allem in den Kriegsszenen äusserst aktiv die verschiedenen Kanäle einsetzt. Das Bonusmaterial besteht aus zwei Audiokommentaren und über fünf Stunden zusätzlichen Beiträgen.

Auf einem Audiokommentar führt Minghella alleine durch den Film. Auf dem anderen wird er von Ondaatje und Produzent Saul Zaentz begleitet, die aber nur selten zu Wort kommen – zumindest in den Stellen, die ich mir angehört habe. Die österreichische Dokumentation «Schwimmer in der Wüste» (50 Minuten) von Kurt Mayer, die auf der Blu-ray-Disc seltsamerweise in «Trügerischer Sand – Auf der Spur des englischen Patienten» umgetauft wurde, und die ZDF-Produktion «Verschollen im Meer der Trockenheit – Die Wüste des englischen Patienten» (45 Minuten) von Sylvia Strasser und Wolfgang Würker beschäftigen sich mit dem echten Ladislaus Eduard von Almásy. Ausserdem sind zahlreiche kürzere und längere Gespräche mit den Filmemachern und Ondaatje sowie einige entfallene Szenen (20 Minuten) enthalten.

Bewertung: 5 Sterne
Bildqualität (Blu-ray): 5 Sterne
Tonqualität (Blu-ray): 6 Sterne
Bonusmaterial (Blu-ray):
5 Sterne

(Fotos: © Kinowelt GmbH)

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