«North by Northwest» von Alfred Hitchcock (Blu-ray)

Cary Grant in «North by Northwest»

I’ve got a job, a secretary, a mother, two ex-wives and several bartenders dependent on me, and I don’t intend to disappoint them all by getting myself slightly killed.

Sechs verschiedene Genres sind in der IMDb für «North by Northwest» aufgeführt. Der Film von Alfred Hitchcock beinhaltet demnach Action, Abenteuer, Drama, Mystery, Romantik und – wie es sich für den Master of Suspense gehört – natürlich Spannung. Nur das wichtigste Element ist nicht erwähnt. «North by Northwest» ist nämlich auch eine hervorragende Komödie. Der Thriller mit Cary Grant ist nicht wirklich der beste Film von Hitchcock, der Meister-Regisseur verwendete darin aber sämtliche seiner Markenzeichen. «North by Northwest» ist daher sozusagen der kompletteste Hitchcock-Film. Oder wie Drehbuchautor Ernest Lehman seine Absicht ausdrückte «a Hitchcock film to end all Hitchcock films.»

Als der New Yorker Werbefachmann Roger O. Thornhill (Cary Grant) für ein Geschäftstreffen in der Lobby des Plaza Hotel auftaucht, ahnt er noch nicht, dass er den Abend beinahe nicht mehr erleben wird und wenige Tage später in den Gesichtern der Präsidenten im Mount Rushmore National Memorial herumklettert. Doch Thornhill wird eben mit einem Agenten der CIA verwechselt und von zwei Handlangern zu ihrem Boss Phillip Vandamm (James Mason) entführt. Der lässt sich nicht davon überzeugen, dass Thornhill nicht der gesuchte George Kaplan ist und befiehlt kurzerhand die Beseitigung des störenden Besuchers. Thornhill kann aber im letzten Moment entkommen.

Die Polizei kann Thornhill jedoch auch nicht von seiner Geschichte überzeugen, und so stellt er selbst Nachforschungen an. Das hat aber nur zur Folge, dass er wenig später einem toten Mann ein Messer aus dem Rücken zieht und dieser Tat verdächtigt wird. Nun jagen ihn nicht nur die Leute von Vandamm, sondern auch noch die Polizei. In Washington wundern sich derweil die Beamten der CIA, wieso Thornhill plötzlich für die gar nicht existierende Person George Kaplan gehalten wird. Damit ihr eigener Agent nicht gefährdet wird, unternehmen sie einfach nichts. Thornhill flüchtet derweil in einem Nachtzug aus New York, in dem er auf die unwiderstehliche Eve Kendall (Eva Marie Saint) trifft.

Cary Grant und Eva Marie Saint in «North by Northwest»

«North by Northwest» ist nicht nur unheimlich spannend und augenzwinkernd unterhaltsam, sondern enthält auch die vermutlich erotischste Zugszene aller Zeiten. Als die hübsche Eve im Speisewagen des Zugs dem charmanten Roger gegenübersitzt, signalisiert sie ihre Absichten ganz unmissverständlich. Für sie gibt es scheinbar nur einen Grund, dieses hübsche Gesicht später in ihrem Abteil zu verstecken. Die verbalen und körperlichen Zärtlichkeiten werden dann auch immer intensiver. Als Eve bemerkt, dass sie schon ein grosses Mädchen sei, kann Roger nur noch feststellen: «Yeah, and in all the right places, too.» Doch im Hintergrund lauert immer noch die Gefahr.

Das Spiel mit dem ahnungslosen Opfer ist gleichsam amüsant und beklemmend. Gefühlslos nehmen die CIA-Beamten im Kalten Krieg ein paar zivile Opfer in Kauf und wissen lediglich nicht so genau, ob sie nun weinen oder lachen sollen: «C’est la guerre.» Gleiches gilt natürlich auch für den Film, in dem selbst die bedrohlichsten Momente eine Portion Humor enthalten. Wenn Roger im Auto vor seinen Feinden flüchtet, die ihn zuvor mit einer Flasche Bourbon abgefüllt haben, dann sorgen die Grimassen von Cary Grant selbst nahe am Abgrund für Fröhlichkeit. Und als er später im Hotelzimmer die Kleider des vermeintlichen Kaplan findet, meint er sarkastisch: «Obviously they’ve mistaken me for a much shorter man.» Ein wenig Galgenhumor ist nie fehl am Platz.

So wirklich ganz logisch lässt sich die Handlung nicht immer erklären. Doch das hindert das Vergnügen an dieser reizvoll inszenierten Thriller-Komödie in keiner Weise. Hauptsache Grant stolpert von einer eigenartigen Situation in die nächste. Hitchcock reiht in harmonischem Rhythmus ikonische Bilder und Szenen aneinander. Der Angriff des Flugzeugs ist eine der unvergesslichsten Szenen der Filmgeschichte. Die Kletterei im Mount Rushmore National Memorial wirkt aus heutiger Perspektive vielleicht ein wenig unfreiwillig komisch, bildet aber dennoch ein fast unübertreffliches Finale. Verknüpft werden die Szenen durch die überragende Filmmusik von Bernard Herrmann, die an den notwendigen Stellen die Spannung durch zusätzlich steigert.

Eva Marie Saint und Cary Grant in «North by Northwest»

Die Blu-ray-Disc bietet den zeitlosen Klassiker in knackiger Bildqualität mit intensiven Farben und authentischer Körnigkeit. Ein wenig verwundert war ich über das Bildformat. Auf der DVD von 2001 war der Film noch auf 1.85:1 geschnitten. Auf der Blu-ray-Disc wird jetzt die auf den 16:9-Fernsehern vorhandene Fläche ganz gefüllt. Das entspricht anscheinend beinahe dem von MGM in den 60er-Jahren für Widescreen-Filme verwendeten Verhältnis von 1.75:1. Die auf Dolby TrueHD 5.1 aufgemischte Tonspur ist klar und rein, hat aber natürlich nicht die gleiche Wirkung wie moderne Filme. Nicht einmal die Musik von Herrmann erzeugt wirklich Raumklang. Wie die Tonspur nur mit Musik in Dolby Digital 5.1 erkennen lässt, ist aber die neue Tonspur in Dolby TrueHD durchaus bedeutend frischer.

Das Bonusmaterial ist durchschnittlich. Ernest Lehman ist auf dem von der DVD von 2001 übernommenen Audiokommentar zu hören. Er geht zwar nach eigener Aussage davon aus, dass er zu einem Publikum spricht, das sich den Film schon angesehen hat. Trotzdem begnügt er sich zwischendurch damit, das Geschehen auf der Leinwand zu beschreiben. Zumindest erklärt er eifrig, wo welche Szene gedreht wurde. Ebenfalls von der DVD stammt der solide Drehbericht «Destination Hitchcock: The Making of ‹North by Northwest›» von Peter Fitzgerald. Auch nicht zu verachten ist das 87-minütige Star-Porträt «Cary Grant: A Class Apart» von Robert Trachtenberg.

Etwas unbefriedigend sind hingegen die beiden für die Blu-ray-Disc neu hergestellten Beiträge. In der Dokumentation «The Master’s Touch: Hitchcock’s Signature Style» (57 Minuten) sind immerhin einige Ausschnitte von Hitchcock selbst enthalten und die wichtigsten Kennzeichen der Hitchcock-Filme werden vorgestellt. Der Beitrag bleibt aber durch die teilweise sehr aufgeblasenen und offensichtlichen Aussagen ziemlich oberflächlich und substanzlos. Es ist aber besonders der zusätzliche Beitrag «‹North by Northwest›: One for the Ages» (25 Minuten), der die Frage aufkommen lässt, wieso ausgerechnet Curtis Hanson, Francis Lawrence, William Friedkin und Guillermo del Toro als Hitchcock-Experten taugen sollen. Vielleicht wurden aber auch einfach nur ihre simpelsten Aussagen verwendet.

Bewertung: 6 Sterne
Bildqualität (Blu-ray): 6 Sterne
Tonqualität (Blu-ray): 4 Sterne
Bonusmaterial (Blu-ray):
4 Sterne

(Fotos: © Warner Home Video)

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