«Shutter Island» von Martin Scorsese

Mark Ruffalo und Leonardo DiCaprio in «Shutter Island»

Sanity is not a choice.

Als ich vor einem halben Jahr die ersten Bilder von der Insel aus «Shutter Island» gesehen habe, erinnerte sie mich zunächst an «Die Toteninsel» von Arnold Böcklin. Diese Verbindung ist bestimmt nicht ganz falsch. Die Auflösung des virtuosen Mysterythriller von Martin Scorsese («GoodFellas», «The Departed») ist allerdings deutlich komplexer. Im Kalten Krieg schweben die Personen auf der Insel zwischen Traum und Trauma, zwischen Wahn und Wahnsinn, zwischen Lügen und Realität.

1954 ist auf Shutter Island, einer Gefängnisinsel für geisteskranke Kriminelle, die Insassin Rachel Solando spurlos aus ihrer Zelle verschwunden. Die beiden U.S. Marshals Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio, «Revolutionary Road») und Chuck Aule (Mark Ruffalo, «Zodiac») untersuchen den Fall. Vom leitenden Psychiater Dr. Cawley (Ben Kingsley, «Transsiberian») erhalten sie aber nicht wirklich viel Unterstützung. Die Personalakten bleiben unter Verschluss, und der behandelnde Arzt von Solando hat die Insel mit der Fähre verlassen, auf der die U.S. Marshals angekommen sind. In der Zelle findet Daniels immerhin einen Zettel mit der kryptischen Notiz «The law of 4» und der Frage «Who is 67?»

Langsam verdichten sich für Teddy Daniels die Anzeichen, dass die Aussagen der Personen auf der Insel nicht mit der Wahrheit übereinstimmen. Die Untersuchungen werden zusätzlich durch die Träume von Daniels behindert. Sie erinnern ihn an seine Frau Dolores (Michelle Williams), die zusammen mit drei anderen Personen bei einem Brand umgekommen ist, und an seinen Einsatz im Zweiten Weltkrieg, in dem er bei der Befreiung von Dachau an einem Kriegsverbrechen beteiligt war. Schliesslich stellt sich auch noch heraus, dass Daniels auf der Insel verborgene Absichten verfolgt. Ein Insasse soll der Brandstifter sein, der den Tod von Dolores verschuldet hat.

Leonardo DiCaprio, Mark Ruffalo und Ben Kingsley in «Shutter Island»

Ziemlich undurchsichtig ist die auf einen Roman von Dennis Lehane («Gone Baby Gone») basierende Geschichte. Welche Rolle spielen die ermittelnden U.S. Marshals genau? Welche Bedeutung haben die Träume von Teddy Daniels? Was ist Wirklichkeit, was nur Vorstellung? Die Frage nach der Wahrheit treibt Daniels voran. Ob er sie in seinen Träumen findet? Ein aus Deutschland stammender Psychiater erklärt, dass «Trauma» der griechische Begriff für Wunde sei und aus dem auch der deutsche Begriff «Traum» hergeleitet wurde, in dem sich manchmal Monster verbergen. Doch solche Erklärungen sind manchmal nur noch verwirrender. Die Filmemacher verschleiern zudem absichtlich, wie nun diese Wahrheit zu finden ist.

Regisseur Martin Scorsese und sein Team wenden diverse Techniken an, um das Publikum zu verunsichern. Film wird rückwärts abgespielt. Einige Abschlussfehler sind bestimmt absichtlich. Die kraftvollen und dynamischen Aufnahmen von Kameramann Robert Richardson werden von Cutterin Thelma Schoonmaker äusserst kühn und schwungvoll zusammengesetzt. So bedrohlich wurde ein Sturm noch selten dargestellt. Die Musik von Robbie Robertson, die stark an die Kompositionen von Bernard Herrmann erinnert, verstärkt die bereits auf der visuellen Ebene vorhandene Spannung zusätzlich, setzt ab und zu aber auch verstörende Kontraste.

Dazwischen öffnen sich durch diverse Anspielungen zahlreiche Abgründe. Die Geschichte der psychiatrischen Behandlungen von Lobotomie bis zur Überdosierung von Psychopharmaka wird in Verbindung mit geheimen Forschungen durch die amerikanische Regierung gesetzt. Im Presseheft werden solche Bezüge durch ein Zitat aus dem Gedicht «The Hollow Men» von T.S. Eliot um literarische Ebenen erweitert: «Between the idea and the reality, between the motion and the act, falls the Shadow.» In diesem Gedicht spielt Eliot auch auf «Heart of Darkness» von Joseph Conrad an, eine Geschichte über die Gespaltenheit eines Mannes auf der Reise in sein eigenes Unterbewusstsein.

Von der Stimmung her erinnert «Shutter Island» stark an eine Mischung von Scorseses früheren Werken «Cape Fear» und «Bringing Out the Dead». Getragen wird die verflochtene Geschichte nicht nur durch die kunstvolle Umsetzung, sondern auch durch die packenden Darbietungen von einerseits Leonardo DiCaprio und Ben Kingsley, andererseits aber auch von der übrigen hochkarätigen Besetzung mit Max von Sydow («Le scaphandre et le papillon»), Emily Mortimer («Transsiberian»), Patricia Clarkson («Whatever Works»), Jackie Earle Haley («Watchmen»), John Carroll Lynch («Zodiac», «Gran Torino») und Elias Koteas («Zodiac», «Gattaca») in teilweise winzigen, aber dennoch unverzichtbaren Rollen.

Fazit: «Shutter Island» ist durch die vielschichtige Handlung, die perfekte Inszenierung und die überragenden Schauspieler ein meisterhaftes Kunstwerk.

Bewertung: 6 Sterne

(Bilder: © 2010 Universal Pictures International Switzerland)

4 Kommentare to “«Shutter Island» von Martin Scorsese”

  1. juliaL49 says:

    Ist also ein Film für mehrfache Sichtungen? Bzw. wunderbar als Kauf-DVD?!

    Am Mittwoch ist im hiesigen Kino Vorpremiere (angepriesen als “CineMen Vorpremiere” uargs) und ich überlege, ob ich mir die Synchronisation antun soll. Gibt es Problemstellen bzgl. deutscher und englischer Dialoge?

  2. Thomas says:

    Ich vermute, dass sehr viele Hinweise auf die Lösung versteckt sind und sich der Film nicht nur dadurch mehrfach geniessen lässt. Da Synchronisation generell eine einzige riesige Problemstelle ist, die ich mir nie antun würde, kann ich die andere Frage so nicht beantworten. Ich möchte immer den ganzen Schauspieler erleben. Auf jeden Fall spricht DiCaprio im Film an einer Stelle Deutsch, und dieser Wechsel der Sprache geht natürlich verloren.

  3. Herrlicher, vertrackter, spannender und zugleich unheimlicher Film. Ich habe mir den Film gestern in Sinchronisation angesehen. Mein Englisch ist leider zu wenig gut. Dennoch war ich begeistert vom Film. Wieso wurde der Filmstart von Herbst auf Spätwinter verlegt? Hat er denn mit diesem verspäteten Start eine Chance auf die Oscar-Verleihung 2011?

    Grüsse feldwaldwiesenblogger

  4. Thomas says:

    Gemäss offizieller Begründung hat der Verleih Paramount den Filmstart verschoben, weil er sich die Oscar-Kampagne nicht leisten konnte oder wollte. Da ein Film von Martin Scorsese aber sowieso gleich durch hohe Erwartungen belastet ist, kann auch einfach vermutet werden, dass die Entscheidung getroffen wurde, weil sich ein solcher Genrefilm abseits der Oscar-Season besser entfalten kann. «Silence of the Lambs» kam 1991 ebenfalls Mitte Februar in die Kinos und räumte anschliessend die 5 wichtigsten Oscars ab (Film, Regie, beide Haupdarsteller und Drehbuch).

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