NIFFF 10: «The Killer Inside Me» von Winterbottom

Jessica Alba und Casey Affleck in «The Killer Inside Me»

It’s always lightest just before the dark.

Wenn ein Film wirklich funktionieren will, muss er Gefühle auslösen und Leidenschaft vermitteln. Diese Bedingungen erfüllt «The Killer Inside Me» von Michael Winterbottom fast schon ein wenig zu perfekt. Eine Frau wird in diesem in den 50er-Jahren angesiedelten Thriller beinahe zu Tode geprügelt und mehrere Menschen kommen ums Leben. Besonders verstörend ist, mit welcher Gleichmut und Gelassenheit die Hauptfigur, eine bedrohliche Mischung aus Norman Bates aus «Psycho» und Anton Chigurh aus «No Country for Old Men», diese Taten begeht.

Lou Ford (Casey Affleck, «Gerry») ist ein ruhiger und fürsorglicher Hilfssheriff in der texanischen Kleinstadt Central City. Bei einer Kontrolle der lokalen Prostituierten Joyce Lakeland (Jessica Alba) gerät er allerdings aus dem Gleichgewicht. Zuerst beleidigen sie sich, dann schlägt sie ihn, er verpasst ihr eine ordentliche Tracht Prügel und schliesslich haben sie Sex. Lou kann nicht mehr von Joyce lassen, obschon er eigentlich auch noch eine versteckte Beziehung mit der in ihn verliebten Amy Stanton (Kate Hudson, «Untitled») führt. Aber wie sich bald zeigt, hat Lou seine Emotionen nicht immer unter Kontrolle und muss auch mit einer dunklen Vergangenheit kämpfen.

Joyce schlägt Lou vor, den Ort zu verlassen und anderswo ein neues Leben anzufangen. Das Startapital verspricht sie sich durch die Erpressung des lokalen Immobilienmoguls Chester Conway (Ned Beatty, «Toy Story 3»), dessen Sohn sie auch zu ihren Kunden zählt. Gleichzeitig wird Lou vom Gewerkschaftsführer Joe Rothman (Elias Koteas, «Zodiac», «Gattaca») zur Rache an den Conways angestachelt, weil sie für den Tod des Bruders von Lou verantwortlich seien. Durch diese äusseren Einflüsse wachen die in Lou dösenden Dämonen wieder auf und sorgen für einige blutige Wochen in Central City.

Ned Beatty, Jessica Alba, Jay R. Ferguson und Casey Affleck in «The Killer Inside Me»

Die Welt in Central City ist auf den ersten Blick noch ganz simpel. Wie Lou als Erzähler der Geschichte gleich zu Beginn erklärt, wohnen dort nur ehrenhafte Männer: «Out here you’re a man, a man and a gentleman, or you aren’t anything». Ziemlich schnell wird jedoch in diesem Thriller die Fassade dieser scheinbar heilen Welt eingerissen. Noch bevor der angereiste Staatsanwalt Howard Hendricks (Simon Baker) alle Fakten kennt, kommt er schon angewidert zum Fazit: «The more I learn about you, the less I know». Fast alle Figuren entpuppen sich als leicht zwielichtige Gestalten, so dass das Verhalten von Lou fast schon wieder nachvollziehbar wird. Obschon einige seiner Opfer völlig harmlos sind, entsteht durch die kühle Distanziertheit, mit der Lou die Ereignisse kommentiert, fast schon ein Bündnis mit dem Publikum.

Den ersten Seiten aus dem gleichnamigen Roman von Jim Thompson nach zu urteilen, hält sich Drehbuchautor John Curran ziemlich exakt an seine Quelle. Die etwas überstürzt wechselhafte erste Begegnung zwischen Lou und Joyce spielt sich beispielsweise auch in der Vorlage ziemlich exakt so ab. Dazwischen hört Lou immer wieder eine Stimme in seinem Kopf, die befürchtet, dass er in alte Muster zurückfallen wird. Auch im Film wird das Verhalten von Lou als unausweichliche Folge seiner Kindheit erklärt, in der sich schon nicht wirklich alles so idyllisch zutrug, wie es sich für das Leben in einer Kleinstadt gehört. Hinter den Vorhängen der kleinbürgerlichen Gesellschaft führte so mancher angesehene Mann ein Doppelleben.

Regisseur Michael Winterbottom inszeniert die Handlung stilsicher mit einer ähnlichen Entspanntheit, die Lou für seine Erzählung anwendet. Dazwischen streut er allerdings mit teilweise schockierender Härte die Ausbrüche der Gewalt ein. Ebenso verstörend ist das Vertrauen, das Lou von seinen späteren Opfern entgegengebracht wird. Wer sich moderne Kriminalfilme gewohnt ist, wird sich wohl über die Lässigkeit wundern, mit der Lou seine Taten begeht und sich nicht wirklich darum kümmert, dass überall zahlreiche Hinweise darauf hindeuten, dass die Morde nicht wirklich so geschehen sein können, wie Lou es später erklären wird. Doch in der Logik von Lou macht sein Vorgehen in jeder Situation Sinn. Für die perfekte Verkörperung von dieser gespaltenen Persönlichkeit sorgt der gewohnt eindrücklich spielende Casey Affleck.

Bewertung: 5 Sterne

(Bild: © Frenetic Films)

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