«Dracula» von Francis Ford Coppola (Blu-ray)

Keanu Reeves und Gary Oldman in «Dracula»

Take care how you cut yourself. It is more dangerous than you think in this country.

Blut muss fliessen! Das ist mein bescheidener Anspruch an einen Vampirfilm. Obschon im Roman «Dracula» von Bram Stoker, der immer noch berühmtesten Erzählung über einen Vampir, das Blut hauptsächlich als Transfusion zwischen Lucy und den Männern fliesst, die ihr Leben retten wollen, so ist die Penetration doch ein zentrales Thema. Das hat sich Francis Ford Coppola («The Godfather») für seine Verfilmung von «Dracula» zu Herzen genommen. Da wird nicht nur fleissig gebissen, das Blut spritzt geradezu durch die Gegend. Nicht nur aus diesem Grund ist dieser romantische Vampir-Thriller ein Hochgenuss.

Ahnungslos reist der Londoner Rechtsanwalt Jonathan Harker (Keanu Reeves) nach Transsilvanien, wo Count Dracula (Gary Oldman) die Verträge für den Kauf eines Hauses in London unterzeichnen soll. Bald muss Harker feststellen, dass im unheimlichens Schloss des Grafen seltsame Dinge geschehen und die Schatten ein Eigenleben zu führen scheinen. Während Dracula seine Reise nach London vorbereitet, wird Harker von Visionen gequält. Oder sind die drei sex- und blutsüchtigen Schönheiten (eine davon Monica Bellucci) vielleicht sogar wirklich existierende Gestalten? Harker beginnt langsam seinen Verstand zu verlieren.

Dracula reist unterdessen auf einem Schiff nach England und sucht sich sein erstes Opfer aus. Die Wahl fällt ausgerechnet auf Lucy Westenra (Sadie Frost), eine höchst ungeschickte Entscheidung des Grafen. Denn Lucy hat drei potente Verehrer, die sich mutig für sie einsetzen: der reiche Lord Arthur Holmwood (Cary Elwes), der kühne Texaner Quincey P. Morris (Bill Campbell) und der kluge Dr. Jack Seward (Richard E. Grant). Der Psychiater kontaktiert zudem seinen ehemaligen Lehrer, Professor Abraham Van Helsing (Anthony Hopkins). Der in Metaphysik kundige Van Helsing erkennt schnell, dass die bleiche Lucy nicht an einer Krankheit leidet, sondern von einem Vampir ausgesaugt wird.

Vervollständigt wird der Kreis der Figuren durch Mina Murray (Winona Ryder), die gleichzeitig die Verlobte von Harker und die Freundin von Lucy ist. So kommen am Ende alle Figuren zum Kampf gegen den blutlüsternen Grafen zusammen. Zusätzlich verdichtet wird die Handlung durch Renfield (Tom Waits), ein Patient im Irrenhaus von Dr. Seward, der ständig von einem Meister redet, auf dessen Ankunft er sich vorbereiten muss. Im Film wird aus Renfield kurzerhand ein Arbeitskollege und Vorgänger von Harker. Dadurch wird die Verbindung zu Dracula noch deutlicher, denn Renfield hat vor Harker die Verhandlungen mit Dracula geführt.

Gary Oldman und Winona Ryder in «Dracula»

Regisseur Francis Ford Coppola bezeichnet seine Umsetzung gerne als «Bram Stoker’s Dracula» und drückt durch die Nennung des Schriftstellers eine angebliche Nähe zum Ausgangsstoff aus. Die Handlung entfernt sich tatsächlich nur wenig von der Vorlage von Bram Stoker. Dennoch hat Drehbuchautor James V. Hart einige Elemente hinzugefügt, die zu einer teilweise recht fundamentalen Neuauslegung der Geschichte führen und die Erwähnung des Romanautors im Filmtitel nicht wirklich rechtfertigt. Die bedeutendste Veränderung betrifft die beiden zentralen Figuren des Grafen und Mina Harper, die zu einem eigentlichen Liebespaar werden.

Tönt Bram Stoker die Vergangenheit von Dracula nur an, wird er im Film explizit als Vlad III. Drăculea beschrieben. Der orthodoxe Christ führt den Kampf gegen die Invasion der Türken an. Wegen einer List der Feinde stürzt sich seine Frau Elisabeta (ebenfalls von Winona Ryder gespielt) in den Tod. Als dann die Geistlichen eine christliche Bestattung verweigern, wendet sich Dracula gegen die Kirche und schwört als Rache, fortan Blut zu trinken, denn wie schon in der Bibel (Deuteronomy 12:23) steht: «The blood is the life.» Wie auch James V. Hart betont, wird das blutsaugende Monster dadurch zu einem eigentlichen tragischen Helden, der sogar die Sympathien des Publikums besitzen darf.

Verstärkt wird diese Romantisierung der Geschichte durch die Figur von Mina Harper, die als Reinkarnation von Elisabeta beschrieben wird. Somit ist es beinahe unausweichlich, dass sich Dracula und Mina ineinander verlieben. «I have crossed seas of time to find you,» flüstert ihr der Graf ins Ohr, bevor er ihre Tränen in Diamanten verwandelt. Gegen einen so zärtlichen Gegner hat Jonathan Harker fast keine Chance. Die Handlung wird durch diese Liebesbeziehung um eine durchaus spannende Facette erweitert, die aber nicht mehr wirklich der Vorlage von Stoker entspricht.

Sadie Frost in «Dracula»

I am all in a sea of wonders. I doubt; I fear; I think strange things which I dare not confess to my own soul. God keep me, if only for the sake of those dear to me!

Doch auch die zentralen Themen aus dem Roman werden in der Verfilmung vorbildlich behandelt. «Dracula» ist zwar an und für sich eine klassische Horrorgeschichte. Sie soll aber nicht nur durch ein Monster erschrecken, sondern sehr wohl gewisse Ängste und Befürchtungen der Gegenwart in sich aufnehmen. Offensichtlich ist natürlich die Diskussion über die gesellschaftliche Stellung der Kirche. Die wird vor dem Hintergrund einer Zeit im Wandel verhandelt, in der trotz wissenschaftlichem Fortschritt urtümlicher Aberglauben nicht ausgerottet ist. Es entbehrt natürlich nicht einer gewissen Ironie, dass der Verlust der christlichen Werte ausgerechnet durch einen solchen Mythos angeprangert wird.

Die erste Einstellung von «Dracula» zeigt ein Kreuz auf der Hagia Sophia in Konstantinopel. Doch die Kuppel ist bereits rot gefärbt, die Türken marschieren ein und das Kreuz wird durch einen Halbmond ersetzt. Ein Mann stellt sich eben gegen diese Überschwemmung von Europa durch die Horden aus dem Osten, fühlt sich aber von der Kirche verraten. Das Motiv der Gefahr aus dem Osten wird durch eine Lektüre von Mina und Lucy weitergeführt. Die blättern in einer Ausgabe der Erählungen aus 1001 Nächten, in denen explizite Sex-Darstellungen enthalten sind. Mina ist leicht entsetzt: «There’s more to marriage than carnal lust.» Lucy stürzt sich hingegen auf die Kopulationen. Kein Wunder, ist sie das erste Opfer von Dracula. Wer sich nicht keusch zurückhalten kann, wird infiziert. Der Gedanke an sexuell übertragbare Krankheiten liegt da nahe.

Überhaupt wird die Gesellschaft in «Dracula» ebenso stark durch den Einzug von modernen Mitteln bedroht. Dr. Seward zeichnet sein Tagebuch auf einem Phonograph auf, Mina verwendet eine Schreibmaschine (amüsiert sich aber gleichzeitig über die «New Woman»), und durch die Zugreisen werden sogar entfernte Orte in kurzer Zeit erreicht – sehr zum Nachteil von dem immer noch traditionell auf Schiffen reisenden Dracula. Coppola lässt es sich nicht nehmen, die Ankunft der Zukunft durch einen Besuch in einem Kino zu symbolisieren. Dort wird das Publikum nicht nur durch einen direkt auf die Betrachter zufahrenden Zug erschreckt. Auf anderen Leinwänden entkleiden sich junge Frauen und lassen die scheinbar heile viktorianische Sittenwelt endgültig einstürzen.

Alleine schon des Inhalts wegen lohnt sich also eine vertiefte Betrachtung von «Dracula». Doch auch die formale Umsetzung durch Francis Ford Coppola verdient höchstes Lob. Der 1992 entstandene Film zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, dass Coppola vollständig auf digitale Effekte verzichtet hat. Stattdessen liess er seinen Sohn Roman Coppola die Tricks der Filmgeschichte ausgraben. Durch Überblendungen, Rück- und Frontprojektion sowie gedrehte Kulissen entstand ein visuell betörendes Meisterwerk.

Die Blu-ray-Disc präsentiert den Film in ansprechender Bild- und Tonqualität. Besonders die Nahaufnahmen sind tadellos. Auf der Tonspur kommen vor allem die Effekte wunderbar zur Geltung, während die fantastische Musik von Wojciech Kilar zwischendurch eher ein wenig versinkt. Kompakt und bestechend ist das Bonusmaterial, das aus einem spannenden Audiokommentar von Coppola, dem eindrücklichen Drehbericht «The Blood Is the Life» (28 Minuten), Beiträgen zu den Spezialeffekten, den Kostümen und den Schauspielern (insgesamt 45 Minuten) sowie entfallenen Szenen (28 Minuten) besteht. Besonders faszinierend sind die Aufnahmen von den Proben auf dem Anwesen von Coppola im Napa Valley und von den Konflikten zwischen Coppola und dem exzentrischen Gary Oldman.

Bewertung: 6 Sterne
Bild-/Tonqualität (Blu-ray): 5 Sterne
Bonusmaterial (Blu-ray):
5 Sterne

(Bilder: © Sony Pictures Home Entertainment)

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