«The Imaginarium of Doctor Parnassus» (Blu-ray)

Christopher Plummer in «The Imaginarium of Doctor Parnassus»

Can you put a price on your dreams?

Die fantastischen Traumwelten von Terry Gilliam entfalten vor allem auf der grossen Leinwand ihre Wirkung. Doch irgendwie sind sie ebenso fürs Heimkino geschaffen. Auch die verwirrende Geschichte und die trügerischen Bilder von «The Imaginarium of Dr. Parnassus» verlangen geradezu nach wiederholter Betrachtung. Als Hauptdarsteller Heath Ledger mitten während den Dreharbeiten verstorben ist, war zwar schon zu befürchten, das eine weitere Produktion von Gilliam vor Fertigstellung begraben werden muss. In die Lücke sprangen dann aber Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell. Das Resultat ist überwältigend und berührend.

Was würde passieren, wenn ein mittelalterlicher Zirkus im modernen London auftauchen würde? Von diesem einfachen Gedanken ausgehend haben Terry Gilliam und sein «The Adventures of Baron Munchausen»- und «Brazil»-Drehbuchautor Charles McKeown die Geschichte von «The Imaginarium of Doctor Parnassus» entwickelt. Doctor Parnassus (Christopher Plummer) zieht mit seinem monströsen Zirkuswagen, seiner süssen Tochter Valentina (Lily Cole), dem in sie verliebten Artisten Anton (Andrew Garfield) und dem kleinwüchsigen Kutscher Percy (Verne Troyer) durch die Stadt. Ihre Vorführungen ziehen allerdings das Publikum nicht gerade in Scharen an.

Da finden Valentina und Anton eines Abends einen geheimnisvollen Mann (Heath Ledger) unter einer Brücke am Strick hängen. Da er eine Röhre verschluckt hatte, überlebt er, kann sich aber nicht mehr an seine Identität erinnern. Er verleiht dem fahrenden Unternehmen neuen Schwung und macht sich dabei vor allem den magischen Spiegel zu Nutzen, der Personen beim Durchschreiten in ihre unterbewussten Traumwelten eintauchen lässt. Parnassus macht sich derweil wegen einem dringenden Problem sorgen. Er hat nämlich eine Wette mit dem Teufel (Tom Waits) abgeschlossen, der sich die Tochter von Parnassus in drei Tagen an ihrem 16. Geburtstag holen wird.

Heath Ledger und Lily Cole in «The Imaginarium of Doctor Parnassus»

Die Geschichte ist ein wenig überladen. Sie führt auch noch zurück in die Vergangenheit von Parnassus, der sich schon vor 1000 Jahren als Mönch in einem Kloster erstmals auf eine Wette mit dem Teufel eingelassen hatte und dadurch Unsterblichkeit erlangte. Das war aber von Beginn weg der Plan des Teufels, der später davon profitierte, dass sich Parnassus in eine junge Frau verliebte und seine Unsterblichkeit für erneute Jugend aufgab. Valentina ist lediglich das längst begehrte Opfer des Teufels. Die Handlung enthält zudem noch ein Eifersuchtsdrama und auch die wahre Identität des geheimnisvollen Mannes muss natürlich geklärt werden.

Betörend ist die Handlung von «The Imaginarium of Doctor Parnassus» trotzdem. Die Fabulierlust der Drehbuchautoren wird auch auf die Figuren projiziert, die davon leben, ausserordentliche Geschichten zu erzählen. In erster Linie ist Parnassus selbst für die Fantasiewelten verantwortlich, einerseits durch seinen Spiegel, andererseits durch seine Vergangenheit im Kloster. Dort mussten die Mönche die Geschichte der Welt erzählen, damit das Universum nicht untergeht: «We tell the eternal story». Kein Zweifel, dass sich auch Gilliam als ein solcher Geschichtenerzähler versteht, der die Welt am Drehen hält. Das gelingt ihm wunderbar.

Eingebaut sind auch zahlreiche unheimliche Anspielungen über die Sterblichkeit, die bei diesem Thema mit einer einst unsterblichen Hauptfigur beinahe unvermeidbar sind. In einem Ausflug ins Imaginarium schwimmen auf einem schwarzen Fluss die Bilder von James Dean, Lady Diana und Rudolph Valentino, drei Ikonen, die wie Heath Ledger zu früh gestorben sind und «forever young» bleiben: «They won’t get old or fat, they won’t get sick or feeble. The are beyond fear because they are forever young. They are gods… and you can join them.»

«The Imaginarium of Doctor Parnassus» ist somit eine traurige, aber auch gebührende Abschiedsvorstellung von Heath Ledger. Aber nur weil auch die restlichen Darsteller überragend sind. Besonders Christopher Plummer, der eigentliche Hauptdarsteller, labt sich genussvoll an seiner saftigen Rolle. Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell erweisen ihrem Freund Ledger als beherzte Verkörperungen eine würdige Ehrerbietung. Und Tom Waits gibt einen wahrlich verführerischen Teufel.

Lily Cole in «The Imaginarium of Doctor Parnassus»

«The Imaginarium of Doctor Parnassus» ist ein herrlich verspielter Film und ein weiteres bemerkenswertes Werk von Gilliam. Ich stufe ihn aber dennoch nicht höher ein als seine vorzügliche Hollywood-Trilogie «The Fisher King», «Twelve Monkeys» und «Fear and Loathing in Las Vegas». Vielmehr stelle ich das Märchen auf die gleiche Stufe wie das fabelhafte Werk «The Adventures of Baron Munchausen», in dem erzählerisch und inhaltlich viele Ähnlichkeiten zu entdecken sind.

Auch in «Munchhausen» nimmt eine Künstlertruppe eine zentrale Rolle ein. Einige Episoden und Figuren aus «Parnassus» ähneln dann auch entsprechenden Elementen aus «Munchhausen». In der Figur von Valentina findet Sally Salt ihre Entsprechung. Die nymphenhafte Lily Cole nimmt in einem Tableau auch die Position von Uma Thurman ein. Sie spielt jedoch nicht die Venus, sondern verkörpert – ebenso leicht bekleidet – Eva. Dazwischen sind auch Verweise auf Monty Python erkennbar, etwa wenn ein paar Polizisten in Strapsen ein fröhliches Lied anstimmen. Für Fans von Gilliam ist «Parnassus» eine wahre Wunderkiste.

Ein weiterer Film, an den «Parnassus» durch sein Loblied auf die Macht der Erzählung erinnert, ist «The Fall». «Parnassus» ist wilder in der Kameraführung. Doch der grösste Unterschied ist dass die Bildwelten in «The Fall» in erster Linie an realen Orten Spielen, während Gilliam für sein Imaginarium neben jede Mengen Modellen vor allem auch visuelle Effekte verwendete. Der reale Ansatz gefällt mir zwar bedeutend besser, aber immerhin hat Gilliam die visuellen Effekte mittlerweile bedeutend besser im Griff als noch in «Brothers Grimm». Einige der Welten im Imaginarium sind schlicht überwältigend. «The Imaginarium of Doctor Parnassus» ist ein leicht ausuferndes, aber bildgewaltiges und stets faszinierendes Märchen.

Die Blu-ray-Disc bietet solide Bildqualität. Die im Kino noch sehr glatten und glänzenden Oberflächen der visuellen Effekte erscheinen ein wenig matter. Die Tonspur in 5.1 DTS-HD Master Audio ist hingegen lediglich ausreichend. Die Stimmen sind ein wenig zu dumpf. Immerhin klingt die Musik klar, und einige Toneffekte sind gut abgemischt. Das Bonusmaterial der Blu-ray-Disc besteht wenig überraschend hauptsächlich aus Beiträgen zu Ledger. Neben einer Einführung und einem Audiokommentar von Terry Gilliam sind ingesamt zehn kurze Beiträge (zwischen 2 und 7 Minuten) enthalten, einige davon auch über andere Aspekte der Produktion.

Bewertung: 5 Sterne
Bildqualität (Blu-ray): 5 Sterne
Tonqualität (Blu-ray): 4 Sterne
Bonusmaterial (Blu-ray):
4 Sterne

(Bilder: © Warner Home Entertainment)

Mehr zum Thema:
Terry Gilliam an der Zurich Master Class 2009 (29. September 2009)

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