«The King’s Speech» von Tom Hooper

Colin Firth in «The King's Speech»

In here it’s better if we’re equals.

Ein Stotterer als König? Das wäre vor dem 20. Jahrhundert wohl nur wenigen Menschen aufgefallen. Nach der Einführung des Radios änderte sich die Wahrnehmung aber schlagartig. Ein würdiger König muss sich erst auf dieser Bühne beweisen. Wie King George V seinem Sohn Prince Albert of York in «The King’s Speech» erklärt: «We’ve become actors». Regisseur Tom Hooper zeigt in diesem zunächst sehr humorvollen, später mitreissenden, gefühlvollen Drama die ungewöhnliche Freundschaft zwischen dem zukünftigen King Georg VI und seinem Sprachtherapisten.

Anlässlich der British Empire Exhibition steht Prince Albert of York (Colin Firth, «Mamma Mia!») am 31. Oktober 1925 im Wembley-Gelände ziemlich zögerlich, fast schon versteinert vor dem Mikrofon, das seine Rede nicht nur zu den tausenden Besuchern, sondern per Radio in alle Kolonien des Vereinigten Königreichs übertragen wird. Nicht nur für ihn selbst, sondern für alle Zuhörer ist die verstotterte Ansprache eine ziemliche Qual. Auf Anraten seiner Gattin, der Duchess of York (Helena Bonham Carter, «Alice in Wonderland», «Corpse Bride»), begibt sich der Prinz widerwillig in die Therapie des unkonventionellen Australiers Lionel Logue (Geoffrey Rush, «Pirates of the Caribbean: At World’s End»).

Obschon der mögliche Thronfolger zuerst anonym bei Logue aufgetaucht ist, weiss der clevere Sprachtherapeut ziemlich bald einmal, welche Person er in Behandlung hat. Doch das hindert ihn nicht daran, den Königlichen ganz frech «Bertie» zu nennen und auch sonst ungehemmt Forderungen zu stellen. Für ihn gilt: «My castle, my rules.» Der Prinz bleibt skeptisch, ist er sich doch solche Umgangsformen nicht gewohnt. Derweil bringt der Prince Edward of Wales (Guy Pearce, «First Snow») der ältere Bruder von Albert und primäre Thronanwärter, das Ansehen der Königsfamilie durch eine Beziehung mit einer verheirateten Frau in Gefahr. Falls er auf die Königstitel verzichten würde, müsste Albert den Thron besteigen. Doch davor fürchtet er sich nicht zuletzt wegen seines Sprachfehlers.

Colin Firth und Geoffrey Rush in «The King's Speech»

Eine bedeutende britische Institution in stürmischen Zeiten stand schon im Zentrum des letzten Films von Regisseur Tom Hooper. Der Konflikt im Fussball-Drama «The Damned United» war verbal noch um einiges hitziger und verbissener, doch im Vergleich zum Problem in «The King’s Speech» doch relativ banal. Geflucht wird auch im neuen historischen Drama ausgiebig, allerdings primär für einen komischen Effekt. Dafür wird das Schicksal des stotternden Prinzen zum Härtetest für den Fortbestand des Königstums. Der Kampf des Thronfolgers mit seinem Sprachfehler wird sogar zum Symbol für den Widerstandswillen einer Nation hochstilisiert. Für den grösstmöglichsten dramatischen Effekt bilden daher die Ansprache von 1925 und die Rede an die Nation nach der Kriegserklärung an Deutschland am 3. September 1939 die Eckpunkte.

Dem Film nach zu urteilen, wäre King George VI ohne den Sprachtherapeuten Lionel Logue unfähig gewesen, auch nur den einfachsten Satz verständlich zu äussern. Die Überwindung der Behinderung wird deshalb emotional besonders aufwühlend auf den Moment der bedeutenden Ansprache bei Kriegsbeginn gelegt. Die bedrohliche Situation innerhalb der Königsfamilie und die Bedeutung des Sprachfehlers mögen ein wenig überspitzt dargestellt werden, doch wie aus dem Tonmitschnitt von British Pathé zu entnehmen ist, hatte King George VI tatsächlich noch etliche Mühe bei dieser Rede. Dankbar für die Dienste von Lionel Logue war King George VI allemal, blieb er ihm doch für den Rest des Lebens freundschaftlich verbunden und erhob ihn zu einem Commander im Royal Victorian Order.

Wie exakt die historische Darstellung tatsächlich ist, bleibt für die Wirkung des Dramas aber sowieso nebensächlich. Im Zentrum von «The King’s Speech» steht in erster Linie eine aussergewöhnliche Freundschaft unter ausserordentlichen Umständen. Der angehende König ist auf den Sprachtherapisten angewiesen, der immer wieder seine Grenzen übertritt. Durch diesen Ansatz wird die Behinderung des Königs auf eine persönliche und berührende Ebene hinuntergebrochen. Doch so ernsthaft der Hintergrund insbesondere gegen Ende des Films ist, so locker wird die Beziehung zwischen dem Königlichem und seinem Sprachtherapeuten geschildert. Lionel Logue ist nie um einen trockenen Spruch verlegen, den andere Menschen niemals vor einem Arbeitgeber äussern würden, geschweige denn vor einer der mächtigsten Personen im Staat.

Regisseur Tom Hooper konzentrierte sich bei der Verfilmung des Drehbuchs von David Seidler vor allem auf die treffende Inszenierung des Konflikts zwischen den beiden Männern, sowohl die emotionale Wirkung als auch die grandiose Darbietung seiner Schauspieler betreffend. Die Ausstattung ist so tadellos und beeindruckend, wie es sich für eine historischen britischen Film gehört. Einige schöne Aufnahmen sind ebenfalls enthalten, doch die Kameraarbeit ist meistens einfach zweckdienlich und rückt vor allem die überragenden Leistungen der Schauspieler ins rechte Licht. Colin Firth und Geoffrey Rush nutzen diese ideale Plattform für ihr Talent und tragen genussvoll ihre Gefecht aus.

Fazit: «The King’s Speech» ist ein höchst unterhaltsames Drama, das durch überwältigende Leistungen der Schauspieler und spritzige Dialoge zu gefallen vermag.

Bewertung: 6 Sterne

(Bilder: © Ascot Elite)

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