«Rango» von Gore Verbinski

«Rango»

No man can walk out on his own story.

Sie haben gemeinsam die Weltmeere besegelt und mit der Serie «Pirates of the Caribbean» dafür gesorgt, dass das Genre des Piratenfilms noch nicht ganz tot ist. Jetzt erobern Regisseur Gore Verbinski und Johnny Depp mit dem Animationsfilm «Rango» den Western und sorgen für herrlichen Spass vor einer eindrücklichen Kulisse.

Es ist schon fast ein wenig zu bemitleiden, das einsame und zudem auch noch namenslose Chamäleon (Stimme von Johnny Depp). Seine Freunde sind eine kopflose Puppe, eine Plastikpalme, ein totes Insekt und ein Aufziehfisch. Das Chamäleon steht in einem Aquarium und bemüht sich mit den personifizierten Requisiten ein Theaterstück zu inszenieren. Das Aquarium befindet sich wiederum in einem Auto auf einer Strasse nach Las Vegas. Und weil ein Armadillo (Alfred Molina, «Prince of Persia: The Sands of Time») diese Strasse überqueren wollte, kommt es beinahe zu einem Unfall. Stattdessen fliegt aber lediglich das Aquarium durch die Hinterscheibe und das Chamäleon befindet sich plötzlich auf dem sengend heissen Asphalt.

Leicht orientierungslos macht sich das Chamäleon auf die Suche nach Rettung. Doch zuerst wird er von einem Falken gejagt. Schliesslich trifft er auf Beans (Isla Fisher), die ihn bis in die Siedlung Dirt mitnimmt, ihn aber vor den ersten Häusern ablädt. Fremde sind in Dirt nämlich nicht besonders beliebt, wie ihm auch von einem vorlauten Mädchen (Abigail Breslin, «Little Miss Sunshine») mitgeteilt wird: «Strangers don’t last long here». Doch im Saloon, wo sich das Chamäleon den Namen Rango zulegt, gelingt es der Echse die Bürger der Siedlung für sich zu gewinnen. Er erzählt ihnen, wie er angeblich sieben Brüder mit einer einzigen Kugel getötet hat. Die Bewohner haben lange auf einen mutigen Helden gewartet, den das Wasser wird immer knapper. Nachdem Rango auch noch den Falken beseitigt hat, wird er daher vom Bürgermeister (Ned Beatty, «Toy Story 3») kurzerhand zum Sheriff befördert.

«Rango»

«Wo ist das Wasser?» ist auch in «Chinatown» die zentrale Frage. Daraus sind einzelne Elemente übernommen wie auch etwa aus dem Märchen «Das tapfere Schneiderlein» von den Brüdern Grimm. Ansonsten präsentiert sich «Rango» in erster Linie als eine Mischung aus den legendären Italo-Western «Django» und «Per un pugno di dollari». Der Mann ohne Namen wird besonders in einer Szene gewürdigt, in der Rango dem «Spirit of the West» (Stimme von Timothy Olyphant, «I Am Number Four») begegnet und einen weisen Ratschlag von dem an Clint Eastwood erinnernden Schatzsucher erhält. Doch auch Filme aus anderen Genres werden fleissig zitiert. Wenn die Posse des Sheriffs von Fledermäusen angegriffen wird, erklingt der «Ritt der Walküren» von Richard Wagner, wodurch direkt der Bezug zu «Apocalypse Now» hergestellt wird. Auch die Filme von Johnny Depp selber dienen als Fundgrube. So erinnert das Schicksal des Chamäleons entfernt an die Reise von William Blake in «Dead Man» und da sich das Chamäleon zunächst auf der Strasse nach Las Vegas befindet, darf natürlich auch eine Anspielung auf «Fear and Loathing in Las Vegas» nicht fehlen.

Im dem auf eine Geschichte von Regisseur Gore Verbinski, Storyboard-Zeichner James Ward Byrkit («Pirates of the Caribbean») und Drehbuchautor John Logan («Gladiator», «Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street», «Any Given Sunday») basierenden Drehbuch werden zudem alle möglichen Western-Topoi aneinandergereiht, um sie anschliessend ebenso schnell wieder zu dekonstruieren, wie sich Rango mit seiner Zunge während einem Duell noch rasch eine Libelle schnappt. Die Logik ist dabei zweitrangig. Wenn Rango beschliesst, dass sie nun reiten müssen, dann galoppieren sie in der nächsten Szene auf komischen Vögeln durch das Bild, obschon sie sich zuvor durch ein unterirdisches Höhlensystem weit von der Stadt entfernt haben. Auch die Geografie ist ganz nach den visuellen Wünschen der Filmemacher zusammengestellt, so dass sich Las Vegas gleich neben der Mojave Desert (stimmt noch halbwegs) und dem Monument Valley (ist schon ein wenig weiter entfernt) befindet.

Nein, auf einen nachvollziehbaren Ablauf der Handlung kommt es in «Rango» ganz bestimmt nicht an. Vielmehr zielen die Macher des rasanten Animationsfilms treffsicher auf die Lachmuskeln und erzeugen zudem eine umwerfend ausdrucksvolle Stimmung. Schon in «Pirates of the Caribbean» kümmerte sich Verbinski hauptsächlich um überwältigendes Spektakel, und dafür sorgt er zwischendurch auch in «Rango». Die Verfolgungsjagd mit Fledermäusen ist schon beinahe unübertrefflich. Dazwischen garantiert herrlicher absurder und kurioser Humor für Dauerschmunzeln. Ein Mariachi-Quartett singt ständig davon, dass der Held nun bald sterben wird, und beim Ritt durch den Sonnenuntergang kann es durchaus vorkommen, dass Rango unter seinem Reitvogel durchrutscht. Wie bereits für «How to Train Your Dragon» wurde übrigens Kameramann Roger Deakins («True Grit», «Kundun») als visueller Berater beigezogen.

Fazit: «Rango» spielt einfallsreich mit diversen Western-Motiven und sorgt mit halsbrecherischen Einlagen für ein fantastisches Vergnügen.

Bewertung: 5 Sterne

(Bilder: © 2011 Paramount Pictures. All Rights Reserved.)

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