«La forteresse» von Fernand Melgar

«La forteresse» von Fernand Melgar

Als die Schweizer Bevölkerung am 24. September 2006 mit deutlicher Mehrheit die Verschärfung des Asyl- und Ausländergesetzes angenommen hatte, war Filmemacher Fernand Melgar über das Ausmass (68 Prozent Ja-Stimmen) und den landesweiten Konsens «zutiefst schockiert». Seine Bestürzung über das Resultat war Auslöser für die Produktion des Dokumentarfilms «La forteresse», in dem er mit nüchternem Blick die Abläufe in einem Empfangs- und Verfahrenszentrum beobachtet.

Das Abstimmungsresultat von September 2006 löste bei Fernand Melgar körperliches Unwohlsein aus und weckte schmerzhafte Kindheitserinnerungen. Mit seiner Mutter reiste der aus Spanien stammende Melgar 1963 als Kind in die Schweiz ein. Mittlerweile ist er eingebürgert, doch der Umgang der Schweizer mit Ausländern beschäftigt ihn selbstverständlich weiterhin: «Ich möchte verstehen, woher in diesem Land die Angst vor dem Fremden kommt, warum wir unsere Türen verschliessen und dieses einstige Asylland in eine uneinnehmbare Festung verwandeln. Für dieses Projekt beschloss ich, meinen Blick auf einen strategisch wichtigen Ort zu richten: ein Empfangs- und Verfahrenszentrum.»

«La forteresse» von Fernand MelgarWer in der Schweiz Asyl beantragt, muss dies in einem der fünf Empfangs- und Verfahrenszentren (EVZ) tun, die sich in Altstätten, Basel, Chiasso, Kreuzlingen und Vallorbe befinden. Das Verfahren dauert höchstens 60 Tage. Auf Grund von zwei Einvernahmen und einer Vielzahl an Expertisen wird entschieden, ob ein Asylantrag gerechtfertigt ist oder nicht. Wie im Presseheft erklärt wird, hat das Bundesamt für Migration nach langen Verhandlungen zum ersten Mal die Türen eines solchen Zentrums für ein Filmteam geöffnet – ohne Einschränkungen, ohne Zensur: «Eine Bewilligung, die in dieser Form noch nie zuvor ausgestellt wurde.»

«La forteresse» ist ein rein beobachtender Dokumentarfilm – ohne Kommentare oder Interviews. Gedreht wurde während genau 60 Tagen, entsprechend der maximalen Aufenthaltsdauer eines Gesuchstellenden. Fast schon wie in einem Spielfilm sind die Aufnahmen inszeniert und montiert. Die eigentlichen Hauptfiguren fehlen zwar, dennoch tauchen immer wieder die gleichen Personen auf. Da ist zuerst einmal der Zentrumsleiter, der viele Überstunden im EVZ verbringt, weil er sich dort wie in einer Familie fühlt. Dadurch wird schon einmal das Vorurteil zerstört, dass die Beamten bürokratische Monster sind.

Daneben werden einzelne Gesuchssteller durch ihren Alltag begleitet. Die Besuche bei den Befragenden des Bundesamtes für Migration stehen dabei im Mittelpunkt. Die Asyl Suchenden müssen ihre Geschichte erzählen, die dann von den Beamten untereinander auf ihren Wahrheitsgehalt hin diskutiert werden. Die restlichen Abläufe und Vorgänge sind streng geregelt. Die Bewohner des EVZ sind in Arbeitsgruppen eingeteilt, erhalten aber auch gewisse Zeitfenster für den Ausgang ins Dorf. In einzelnen Episoden wird so die Dynamik zwischen den einzelnen Zentrumsbewohner, aber auch im Bezug zum Zentrumspersonal vor Augen geführt.

«La forteresse» von Fernand MelgarDurch die nüchterne Betrachtung überlässt der Regisseur das Urteil fast ganz dem Publikum. Melgar verzichtet zwar auf Manipulation durch Musik oder Interviews, aber die (bewusste oder unbewusste) Entscheidung, den Film im Winter zu drehen, beeinflusst die Wahrnehmung trotzdem. Der dichte Nebel verstärkt den Eindruck von Isolation und Trostlosigkeit. Darüber täuscht auch eine in den Schnee gezeichnete, lachende Figur nicht weg. Die Sonne scheint für diese Asyl Suchenden offensichtlich nicht.

Wie auf den Film reagiert wird, hängt ganz bestimmt von der eigenen Einstellung hinsichtlich der «Asylfrage» ab. Der offene Blick von Melgar lässt auf jeden Fall alle möglichen Herangehensweise zu: Ärger über die vermutlich lügende Roma-Mutter, Kopfschütteln über die kühle Beurteilung der erzählten Geschichten, Mitleid mit dem verzweifelten Armenier. Zur Erweiterung des eigenen Horizonts ist der Dokumentarfilm unabhängig von der persönlichen politischen Einstellung auf jeden Fall zu empfehlen.

Fazit: «Le forteresse» ist eindrücklicher und scheinbar ausgewogener Dokumentarfilm über das Leben in einem Empfangs- und Verfahrenszentrum.

Bewertung: 5 Sterne

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