«Pickpocket» von Robert Bresson

«Pickpocket»Sollen für alle Menschen die gleichen Gesetze gelten? Robert Bresson behandelt diese Frage vielschichtig, moralisch aber durchaus wertend in seinem Meisterwerk «Pickpocket» aus dem Jahr 1959. Wer schon einmal einen Einführungstext in die Kunst des Films oder in die Filmgeschichte gelesen hat, wird wohl oder übel schon etwas über «Pickpocket» gelesen haben. David Bordwell widmet dem Film in seinem Standardwerk «Narration in the Fiction Film» fast ein ganzes Kapitel. Anhand von «Pickpocket» erklärt er die Regeln der parametrischen Erzählstruktur. Dabei geht es vor allem darum, dass dem Publikum gewisse Elemente der Erzählung vorenthalten werden, die für die Interpretation der Geschichte bedeutend sind.

Da heute allerdings viele Filme ähnliche oder noch viel unübersichtlichere Erzählstrukturen vorweisen, ist die Geschichte von «Pickpocket» gar nicht so kompliziert, wie sich das ganze nun vielleicht anhört: Der intellektuelle Michel (Martin LaSalle) hält sich an die Philosophie des berüchtigten Taschendiebs George Barrington und schlägt sich lieber mit Diebstählen durchs Leben, als sich um ehrbare Arbeit zu bemühen.

Dabei gerät Michel nicht nur in Konflikt mit der Polizei, sondern auch mit den Menschen, die ihn lieben. Bei seiner Mutter wagt er schon lange nicht mehr aufzutauchen, und deren hübsche Nachbarin lässt sich lieber mit seinem besten Freund ein, der dann aber verschwindet, sobald die sie schwanger wird.

Bresson erzählt die Geschichte des Taschendiebs in beinahe dokumentarischer Distanziertheit. Die Kamera heftet sich an die Fersen von Michel und beobachtet, wie er durch den Tag irrt, mit einem Polizisten über Sinn und Unsinn der Gesetze diskutiert und ständig neue Tricks lernt. Für die Authentizität der berauschenden Taschendieb-Sequenzen in «Pickpocket» sicherte sich Bresson die Unterstützung eines technischen Beraters.

Auf der DVD zeigt eine faszinierende, 50-minütige Dokumentation wie die Darsteller die Dreharbeiten erlebt haben und was sie fast 50 Jahre danach anstellen. Taschendieb ist angeblich niemand geworden. Stattdessen sind die drei Hauptdarsteller, die vor «Pickpocket» noch nie in einem Film mitgespielt haben, äusserst unterschiedliche Wege gegangen. Für Pierre Leymarie war «Pickpocket» gleichzeitig der erste wie auch der letzte Film. Heute ist er Professor und Leiter eines Forschungslabors für Genetik. Marika Green (die Tante von Eva Green) sieht heute noch bewundernswert frisch aus und lebt mit ihrem Mann in Österreich. Martin LaSalle ist immer noch aktiv als Schauspieler, arbeitet aber schon lange nicht mehr in Frankreich, sondern dreht heute hauptsächlich Filme in Mexiko.

Film: 5 Sterne
Bild-/Tonqualität: 6 Sterne
Bonusmaterial:
4 Sterne

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